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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 13. Abend im Wäldchen
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Frau Pomfret hatte gerade an dem Donnerstag Morgen mit der Haushälterin Frau Best einen kleinen Zank gehabt, und daraus entsprangen für Hetty zwei große Annehmlichkeiten. Einmal ließ sich Frau Pomfret ihren Thee aufs Zimmer bringen, und dann gab dieser Streit der musterhaften Kammerfrau eine äußerst lebendige Erinnerung ein an frühere Beispiele von Frau Best ihrem Auftreten und an Unterredungen, in denen dieselbe ganz entschieden gegen Frau Pomfret zu kurz gekommen war. Hetty brauchte also ihre Gedanken nur so weit zusammen zu halten, daß sie am Nähen blieb und dann und wann ein Ja oder Nein dazwischen warf. Gern wäre sie früher fortgegangen als sonst; aber sie hatte dem jungen Herrn gesagt, sie mache sich gewöhnlich um acht Uhr auf den Rückweg, und wenn er nun wieder in das Wäldchen käme und sie da erwarte, und sie wäre schon fort! Ob er wohl käme? Ihr kleines Schmetterlingsherz flatterte unaufhörlich hin und her zwischen Erinnerung und zweifelnder Erwartung. Endlich war der Minutenzeiger der altmodischen Uhr im letzten Viertel vor acht und nun durfte sie sich zum Heimweg rüsten. Selbst Frau Pomfret war durch ihre vielen Gedanken an die Haushälterin nicht so in Anspruch genommen, daß sie den neuen Anhauch von Schönheit übersehen hätte, als das kleine Ding sich vor dem Spiegel den Hut aufsetzte.

»Das Kind wird alle Tage hübscher, scheint mir,« bemerkte sie für sich; »desto schlimmer für sie; darum bekommt sie weder eher eine Stelle noch einen Mann. Verständige, wohlhabende Männer mögen so hübsche Weiber nicht. Als ich noch ein Mädchen war, bewunderte man mich mehr, als wenn ich so sehr hübsch gewesen wäre. Aber sie muß mir's doch danken, daß ich ihr etwas beibringe, womit sie sich besser ihr Brot verdienen kann als mit der Bauernarbeit. Ich habe immer für gutmütig gegolten, und das mit Recht, leider mit Recht, möchte ich fast sagen, sonst würden wohl gewisse Leute hier im Schloß sich nicht so viel gegen mich herausnehmen.«

Hetty schritt hastig durch das kleine Gärtchen, welches auf ihrem Wege lag; sie fürchtete dem Gärtner zu begegnen, für den sie kaum ein freundliches Wort übrig hatte. Wie erleichtert fühlte sie sich, als sie glücklich unter die Eichen und in das Gebüsch des Parks gekommen war! Selbst da war sie noch so zaghaft wie die Rehe, die vor ihr davonsprangen. Sie dachte nicht an das Abendlicht, welches in den grasbewachsenen Wegen auf den Halmen lag und die Schönheit ihres frischen Grün noch mehr hob als der übermächtige Lichtstrom der Mittagssonne; sie dachte an nichts Gegenwärtiges. Sie sah nur etwas Zukünftiges, Mögliches – Arthur Donnithorne, der ihr wieder im Tannenwäldchen begegnete. Das war der Vordergrund in Hettys Gemälde: dahinter lag es wie lichter Nebel – Tage, die nicht so wären, wie bisher ihre Lebenstage gewesen. Es war ihr, als werbe ein Flußgott um sie, der sie jeden Augenblick in seinen herrlichen Palast unter dem Wasserhimmel führen könne. Was war nicht alles möglich, da diese wunderbare, hinreißende Entzückung über sie gekommen war?! Wenn ihr ein Koffer mit Spitzen und Seide und Juwelen von unbekannter Hand zugeschickt wäre, hätte sie nicht glauben dürfen, ihr ganzes Schicksal werde sich ändern und morgen stehe ihr noch herrlichere Freude bevor? Sie hatte nie einen Roman gelesen; wenn ihr einer in die Hände gekommen wäre, das Lesen würde ihr, glaube ich, zu schwer geworden sein; wie sollte sie also eine Form für ihre Erwartungen finden? Sie waren so formlos wie die süßen Düfte aus dem Schloßgarten, die an ihr vorbeigezogen waren, als sie an dem Pförtchen entlang ging.

Nun ist sie an einer andern Pforte, am Eingange in das Tannenwäldchen. Sie geht hinein; da ist es schon Dämmerung, und bei jedem Schritt beschleicht eisigere Furcht ihr das Herz. Wenn er nicht käme! O, wie traurig war der Gedanke, wenn sie am andern Ende des Wäldchens hinaustreten müßte auf die offene Straße, ohne ihn gesehen zu haben! Als sie an die Stelle kommt, wo der Weg die erste Biegung nach der Einsiedelei macht, geht sie langsam – er ist nicht da. Sie haßt das Häschen, welches ihr über den Weg läuft; sie haßt alles, was nicht er ist, nach dem sie verlangt. Sie geht weiter und freut sich über jede Biegung des Weges, denn vielleicht ist er dahinter. Nein, wieder nicht. Sie fängt an zu weinen; ihr Herz dehnt sich mächtig, die Thränen stehen ihr in den Augen; sie stößt einen schweren Seufzer aus, ihre Mundwinkel zittern, und ihre Thränen fließen.

Sie weiß nicht, daß es noch einen andern Seitenweg nach der Einsiedelei giebt, daß sie nahe dabei ist und daß Arthur nur wenige Schritt von ihr steht, auch er ganz erfüllt von einem Gedanken, und dieser Gedanke ist sie, sie ganz allein. Er will Hetty wiedersehen – das ist die Sehnsucht, die in den letzten drei Stunden zu fieberhafter Qual angewachsen ist. Natürlich nicht, um in der zärtlichen Weise mit ihr zu sprechen, in die er vorhin unversehens gefallen ist, sondern nur, um sich liebevoll mit ihr auseinander zu setzen, freundlich und höflich gegen sie zu sein und ihr jede falsche Vorstellung über ihr Verhältnis auszureden.

Wenn Hetty gewußt hätte, daß er da sei, so hätte sie nicht geweint, und das wäre besser gewesen; dann hätte sich Arthur wahrscheinlich so verständig benommen, wie es in seiner Absicht lag. So jedoch fuhr sie zusammen, als sie ihn aus einem Nebenwege herankommen sah, und als sie zu ihm aufblickte, liefen ihr zwei große Tropfen über die Wange. Mußte er da nicht sanft und freundlich mit ihr sprechen?

»Hat Sie etwas erschreckt, Hetty? Ist Ihnen unterwegs etwas zugestoßen? Aber jetzt ängstigen Sie sich nicht; ich werde Sie beschützen.«

Hetty errötete so, sie wußte nicht, ob vor Glückseligkeit oder Elend. Sie weinte schon wieder, – was die Herren wohl von Mädchen dächten, die so weinten? Sie fühlte sich unfähig, auch nur ein Nein zu antworten; sie konnte nur von ihm wegsehen und sich die Thränen von den Wangen trocknen. Doch fiel erst noch ein großer Tropfen auf ihre Rosaschleife, das merkte sie recht gut.

»Nun, sein Sie wieder vergnügt. Sehen Sie mich freundlich an und sagen Sie mir, was Ihnen fehlt. Nun, sagen Sie's mir.«

Hetty wandte den Kopf nach ihm hin, flüsterte: »Ich glaubte, Sie kämen nicht« und faßte allmählich Mut, die Augen zu ihm aufzuschlagen. Der Blick war zu viel für ihn. Er hätte Augen von Granit haben müssen, wenn er sie nicht wieder voll Liebe angeblickt hätte.

»Sie kleines, banges Vögelchen! Sie kleines Röschen in Thränen! Sie liebe, kleine Thorheit – wollen Sie wohl nicht wieder weinen, nun ich bei Ihnen bin?«

Ach, er weiß nicht, was er sagt. Und das ist's nicht, was er sagen wollte. Sein Arm legt sich leise um ihre Brust, faßt sie stärker und stärker; er neigt sein Gesicht näher und näher an die runde Wange, seine Lippen begegnen den vollen kindlichen Lippen, und für einen langen Augenblick ist jede Zeit verschwunden. Er könnte ein Hirt in Arkadien sein, der erste Jüngling, der das erste Mädchen küßt. Eros selbst, der an Psyches Munde hängt – es ist all eins.

Lange sprachen sie kein Wort. Mit klopfendem Herzen gingen sie weiter, bis ihnen das Pförtchen am Ende des Wäldchens zu Gesicht kam. Dann sahen sie einander an; es war anders als zuvor: in ihren Augen lag die Erinnerung an einen Kuß.

Aber schon hatte sich Bitterkeit in den süßen Kelch gemischt; Arthur fühlte sich unbehaglich. Er ließ Hetty aus seinem Arme los und sagte:

»Da sind wir, fast am Ende des Parks. Wie spät es schon sein mag,« fügte er hinzu und zog die Uhr heraus. »Zwanzig Minuten über acht, aber meine Uhr geht vor. Indes, weiter darf ich doch nicht mitgehen. Machen Sie sich munter auf den Weg mit ihren kleinen Füßen und kommen Sie gut nach Haus. Gute Nacht, Hetty.«

Er nahm ihre Hand und sah sie halb wehmütig, halb mit erzwungenem Lächeln an. Hettys Augen schienen ihn anzuflehen, er möge noch bleiben, aber er streichelte ihr die Wangen und sagte wieder: »Gute Nacht.« So mußte sie sich von ihm wenden und weiter gehen.

Arthur stürzte zurück in das Wäldchen, als solle ein möglichst weiter Zwischenraum ihn und Hetty trennen. In die Einsiedelei wollte er nicht wieder: er erinnerte sich, wie er vor wenigen Stunden dort mit sich gekämpft und wie all sein Überlegen zu nichts geführt habe – zu was schlimmerem als nichts. Er ging gerades Weges in den Park; denn in dem Wäldchen hauste sicher sein böser Genius. Diese Buchen und glatten Linden – der bloße Anblick hatte etwas entnervendes; in den stämmigen, knorrigen alten Eichen lag schon an sich Energie. Er verlor sich unter den Bäumen, ohne des Weges zu achten, bis die Dämmerung fast zur Nacht wurde unter den dichten Zweigen, und die Hasen, welche über den Weg sprangen, schwarz aussahen.

Sein Gefühl war viel erregter als am Morgen; es war ihm, als hätte ihm sein Pferd einen Sprung versagt und sich herausgenommen, seine Herrschaft zu bestreiten. Er war unzufrieden mit sich selbst, ärgerlich, gedemütigt. Nicht so bald überlegte er sich die wahrscheinlichen Folgen, wenn er sich den Gefühlen überließe, die ihn heute beschlichen hatten, wenn er fortführe, gegen Hetty aufmerksam zu sein, und sich jede Gelegenheit für solche kleine Liebkosungen zu nutze mache, zu denen er sich heute habe hinreißen lassen – und es wollte ihm schlechterdings nicht in den Sinn, daß eine solche Zukunft für ihn möglich sei. Eine Liebelei mit Hetty war ganz etwas anderes als mit einem hübschen Mädchen von seinem Stande; dabei würden sich beide Teile amüsieren, oder wenn die Sache ernsthaft würde, so stände ja nichts im Wege, daß man sich heirate; aber dies kleine Ding, die Hetty, käme sofort in üblen Ruf, wenn man sie nur mit ihm gehen sähe, und dann, die braven Menschen, die Poysers, denen ihr guter Name so wert war, als hätten sie das vornehmste Blut im ganzen Lande in den Adern – nein, nein, er müsse sich ja hassen, wenn er solch ein Ärgernis gäbe, hier auf diesem Gute, welches er einst sein eigen nennen würde, und mitten unter seinen Bauern, von denen er vor allem geachtet sein wollte. So zu sinken in seiner eigenen Achtung, schien ihm so ganz unmöglich, wie daß er sich beide Beine brechen und sein Lebenlang auf Krücken gehen sollte. Er konnte sich gar nicht in dieser Lage denken; sie war zu widerwärtig, sah ihm so gar nicht ähnlich.

Und selbst wenn niemand etwas davon erführe, – sie würden einander zu lieb gewinnen und hätten am Ende doch nichts davon als den Schmerz der Trennung. Daß ein junger Mann von Stande ein Bauermädchen heirate, das sei nur in Gedichten möglich. Er müsse mit der Geschichte sofort ein Ende machen; sie sei doch zu thöricht.

Ja, aber war er nicht heut' früh auch so entschlossen gewesen, ehe er zu Gawaine ritt? Und während er bei dem war, hatte es ihn gepackt und im Galopp zurückgetrieben. Es schien doch, als könne er sich auf seinen eigenen Entschluß nicht so ganz verlassen, wie er bisher geglaubt; er wünschte beinahe, sein Arm möchte wieder schlimmer werden, dann würde er nur an die Freude der künftigen Genesung denken. Und konnte er denn wissen, was morgen über ihn kommen würde, in dieser verfluchten Einsamkeit, wo er den lieben langen Tag gar nichts dringendes zu thun hatte?! Was konnte er nur thun, um sich gegen weitere Thorheit zu sichern?

Hier half nur eines. Er wollte zu Irwine gehen und es dem sagen, ihm alles sagen. Schon durch das bloße Wiedererzählen würde aus der Geschichte etwas ganz gewöhnliches; die Versuchung würde schwinden, wie der Reiz von Liebesworten vergeht, wenn man sie vor gleichartigen Leuten wiederholt. Auf alle Weise würde es ihm gut sein, mit Irwine davon zu sprechen. Morgen früh gleich nach dem Frühstück wollte er zu ihm reiten.

Sobald Arthur zu diesem Entschluß gekommen war, suchte er sich im Park zurechtzufinden und nahm den kürzesten Rückweg nach Haus. Jetzt würde er gut schlafen, war er überzeugt; er hatte genug durchgemacht, und zu überlegen gab's ja nichts mehr.