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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 26. Der Tanz
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Sehr verständig hatte Arthur den großen Flur zum Ballsaal gewählt; es war da so luftig wie nirgendwo anders, und man hatte den Vorteil der großen, offenen Thüren nach dem Garten und konnte auch bequem in die andern Zimmer kommen. Freilich ist ein steinerner Flur nicht der angenehmste Tanzboden, aber die meisten Tänzer heute waren schon bei einem Weihnachtstanz in einer gepflasterten Küche lustig gewesen. Der Flur war eine von den Hallen, neben denen die anstoßenden Zimmer wie kleine Kabinette erschienen; an der hohen Decke sah man Engel, Trompeten und Blumengewinde von Stuckaturarbeit, und an den Wänden wechselten große Reliefbilder von verschiedenen Helden und Statuen in Nischen. Es war so recht ein Raum zum Ausschmücken mit Blumen und Sträuchern, und Gärtner Craig hatte seinen Stolz darin gesetzt, bei dieser Gelegenheit sowohl seinen Geschmack wie seine Treibhauspflanzen zu zeigen. Die breiten Stufen der steinernen Treppe waren mit Kissen belegt, damit die Kinder, die mit ihren Kindermädchen bis halb zehn bleiben durften, sich von da das Tanzen ansehen könnten, und da der kleine Ball auf die vornehmsten Pächter und Bauern beschränkt war, so hatten alle reichlich Platz. Die Lichter waren oben zwischen den grünen Zweigen in bunten Papierlampen reizend verteilt, und die Bauerfrauen und Mädchen hielten das für ein unübertrefflich prächtiges Schauspiel: so mußten der König und die Königin wohnen, das war ihnen jetzt ganz klar, und voll Mitleid dachten sie an ihre Verwandten und Bekannten, die keine so schöne Gelegenheit hätten, zu erfahren, wie es in der großen Welt zuginge. Die Lichter waren schon angesteckt, obschon die Sonne eben erst untergegangen war, und draußen herrschte jene sanfte Beleuchtung, in der alle Gegenstände deutlicher erscheinen als am hellen Tage.

Es war ein hübsches Schauspiel draußen vor dem Hause: die Bauern bewegten sich mit ihren Familien auf dem freien Platze unter Blumen und Büschen auf und ab, oder gingen auf dem breiten Fahrwege, der von der Ostseite des Schlosses wegführte, wo auf beiden Seiten ein Teppich von moosigem Grase sich dehnte, hie und da besetzt mit einer dunkeln, niedrig verzweigten Ceder oder einer stolzen Tanne, deren blaßgrün geränderte Zweige am Boden hinstrichen. Die großen Haufen der gemeinen Bauern im Parke lichteten sich allmählich, die jüngeren wurden von den Lichtern angezogen, welche schon durch die Fenster der Galerie in der Abtei, wo sie tanzen sollten, herüberleuchteten, und von den älteren fanden es manche der ruhigeren hoch an der Zeit, nach Hause zu gehen. Zu ihnen gehörte Lisbeth Bede, und Seth begleitete sie nicht bloß aus kindlicher Aufmerksamkeit, sondern auch weil ihm sein Gewissen verbot, am Tanzen teilzunehmen. Für Seth war es ein ziemlich trauriger Tag gewesen: nie hatte ihm Dina so unaufhörlich vor Augen geschwebt als bei diesem Schauspiel, wo ihr alles so unähnlich war. Wenn er diese leeren, gedankenlosen Gesichter und die bunten Kleider der jungen Frauen sich ansah, dann trat sie ihm nur um so lebendiger vor die Seele – grade wie man die Schönheit und Größe eines Madonnabildes um so mehr empfindet, wenn ein alltägliches Gesicht in einem gewöhnlichen Hute es einen Augenblick verdeckt hat. Aber diese geistige Nähe Dinas half ihm zugleich die Laune seiner Mutter besser ertragen, die in der letzten Stunde immer mürrischer geworden war. Die arme Lisbeth litt unter einem seltsamen Streit von Empfindungen. Die Freude und der Stolz über die Ehre, die ihrem Lieblingssohne Adam widerfahren war, unterlag allmählich ihrer Eifersucht und Unzufriedenheit, als Adam ihr mitteilte, er solle auf den Wunsch des Kapitäns sich unter die Tänzer in der Halle mischen. Adam kam immer weiter aus ihrem Bereich, so fühlte sie, und fast wünschte sie sich all die früheren Sorgen zurück, weil dann Adam sich mehr darum kümmern würde, was seine Mutter sage und thue.

»Ah, du hast gut tanzen,« sagte sie, »und dein Vater liegt noch nicht mal fünf Wochen im Grabe. Und ich wollt', ich wäre auch da, statt daß ich hier auf der Erde lustigeren Leuten im Wege bin.«

»Nein, Mutter! so mußt du's nicht nehmen,« erwiderte Adam, der heute möglichst freundlich gegen sie bleiben wollte. »Tanzen will ich nicht, bloß zusehen. Und da der Kaptän wünscht, ich solle dabei sein, so sähe es so aus, als glaubte ich es besser zu wissen als er, wenn ich sagte, ich wollte lieber doch nicht bleiben. Du weißt ja, wie freundlich er heute gegen mich gewesen ist.«

»Na, thu' wie du willst; deine Mutter hat doch kein Recht, dich dran zu hindern. Sie ist bloß noch die alte Schale, und du bist 'raus geschlüpft wie 'ne reife Nuß.«

»Nun denn, Mutter,« meinte Adam, »ich will hingehen und es dem Kaptän sagen, daß es gegen dein Gefühl ist, wenn ich noch bleibe, und daß ich deshalb lieber nach Haus gehe; dann nimmt er's nicht übel, und ich thu's recht gern.« Er sagte das mit einiger Anstrengung, denn in Wahrheit sehnte er sich danach, den Abend bei Hetty zu bleiben.

»Nein, nein, das will ich nicht haben; der junge Herr würde böse werden. Geh' lieber hin und thu', was er dir gesagt hat; ich gehe mit Seth nach Hause. Es ist ja 'ne große Ehre, daß man so viel auf dich hält, und wer kann stolzer darauf sein, als deine Mutter? Hab' ich nicht all die Last gehabt, dich groß zu ziehen und zu erhalten die vielen Jahre?«

»Na, denn adieu, Mutter, – adieu, mein Junge – und sorgt für Gyp, wenn ihr nach Haus kommt,« sagte Adam und wandte sich in den Teil des Parks, wo er Poysers zu treffen hoffte; denn er war den ganzen Nachmittag so beschäftigt gewesen, daß er noch keine Zeit gehabt hatte, mit Hetty zu sprechen. Bald unterschied sein Auge in der Ferne eine Gruppe, die auf dem breiten Kieswege nach dem Hause zurückging, und er eilte zu ihnen.

»Sieh' da, Adam! ich freue mich, daß ich Euch endlich wiedersehe,« sagte Martin Poyser, der Totty auf dem Arme trug. »Jetzt werdet Ihr hoffentlich etwas Vergnügen haben; bisher habt Ihr nur Arbeit gehabt. Und Hetty wird auch tüchtig tanzen; und als ich sie eben fragte, ob sie Euch auch einen Tanz zugesagt habe, sagte sie nein.«

»Ich habe gar nicht dran gedacht, heute zu tanzen,« sagte Adam, der bei Hettys Anblick schon halb und halb anderes Sinnes geworden war.

»Unsinn!« rief Poyser; »heute tanzt alle Welt, bloß der alte Herr und dem Pastor seine Mutter nicht. Frau Best hat uns erzählt, Fräulein Lydia und das alte Fräulein Irwine würden auch tanzen und der junge Herr wolle mit meiner Frau den Ball eröffnen; sie muß also wieder mal tanzen, obschon sie es seit den Weihnachten, ehe unser Jüngstes geboren wurde, nicht mehr gethan hat. Ihr dürft nicht still sitzen, Adam; das paßte sich nicht; so 'n fixer junger Bursch, und könnt ja so gut tanzen wie einer!«

»Nein, nein,« meinte Frau Poyser; »das paßte sich nicht. Ich weiß wohl, tanzen ist Unsinn, aber wer sich an alles stößt, was Unsinn ist, der kommt nicht weit in der Welt. Wenn die Suppe mal fertig ist, dann muß man das Dicke mitnehmen oder die Suppe ganz stehen lassen.«

»Nun denn, wenn Hetty mit mir tanzen will,« sagte Adam, der entweder Frau Poysers Gründen oder etwas anderem nachgab, »dann will ich den Tanz mit ihr tanzen, den sie noch frei hat.«

»Ich bin noch für den vierten Tanz frei,« erwiderte Hetty, »und den will ich mit Euch tanzen, wenn Ihr wollt.«

»Aber,« bemerkte Poyser, Ihr müßt den ersten Tanz auch tanzen, Adam, sonst sieht das kurios aus. Es sind 'ne Masse netter Mädels zur Auswahl da, und 's ist immer hart für die armen Dinger, wenn die Männer dabeistehen und sie nicht auffordern.«

Adam fühlte, daß Poyser recht hatte; er durfte nicht mit Hetty allein tanzen, und da ihm einfiel, daß sich Jonathan Burge heute wohl verletzt fühlen könne, so beschloß er, seine Tochter Marie zum ersten Tanz aufzufordern.

»Da schlägt die große Glocke acht,« sagte Poyser; »jetzt müssen wir schnell hinein, sonst sind die Herrschaften eher da als wir, und das sähe nicht gut aus.«

Sie waren kaum in der Halle und hatten die drei Kinder unter Mollys Aufsicht auf die Treppe gesetzt, als die Flügelthüren des Gesellschaftszimmers aufgingen und Arthur in voller Uniform, die alte Madame Irwine am Arm, hereintrat; er führte sie zu einer mit Teppichen belegten und mit schönen Blumen reichlich verzierten Estrade, wo sie und das Fräulein und der alte Herr Donnithorne sitzen und das Tanzen sich ansehen sollten, wie Könige und Königinnen auf der Bühne. Die Uniform hatte Arthur den Pächtern zu Gefallen angelegt, wie er sagte, die auf seinen Rang in der Miliz so viel hielten, als wäre er Premier-Minister des Landes. Übrigens hatte er seinerseits nichts dagegen einzuwenden, ihnen den Gefallen zu thun: die Uniform stand ihm sehr gut.

Ehe der alte Herr sich setzte, ging er in der Halle umher, grüßte die Pächter und sprach höflich mit ihren Frauen; er war immer höflich, aber die Pächter hatten nach langem Überlegen herausgebracht, diese Glätte sei ein Zeichen von Härte. Es fiel auf, daß er heute abend ganz ausgesucht höflich gegen Frau Poyser war, sich genau nach ihrer Gesundheit erkundigte und ihr empfahl, zur Stärkung kaltes Wasser zu gebrauchen, wie er selbst thue, und alle Medizin zu vermeiden. Frau Poyser knixte und dankte ihm mit großer Selbstbeherrschung, aber als er weiter gegangen war, flüsterte sie ihrem Manne zu: »ich lasse meinen Kopf drauf, daß er Unheil gegen uns braut; der Teufel wedelt nicht so mit dem Schwanze um gar nichts.« Ihr Mann hatte keine Zeit zu antworten, da Arthur herantrat und sagte: »Frau Poyser, ich bitte um Ihre Hand für den ersten Tanz, und Herr Poyser, Sie müssen mir erlauben, daß ich Sie zu meiner Tante führe; sie möchte mit Ihnen tanzen.«

Frau Poysers blasses Gesicht errötete vor Aufregung über diese seltene Ehre, als Arthur sich mit ihr obenan stellte; aber ihr Mann, dem ein Glas Bier extra sein jugendliches Vertrauen auf sein gutes Aussehen und gutes Tanzen wiedergegeben hatte, schritt ganz stolz neben ihnen her und schmeichelte sich im stillen, Fräulein Lydia hätte gewiß noch mit keinem getanzt, der sie so herumschwenken könnte wie er. Um die Ehre auf die beiden Dörfer gleichmäßig zu verteilen, tanzte Fräulein Irwine mit Lucas, als dem größten Pächter in Broxton und Gawaine mit dessen Frau. Der Pastor war, nachdem er seine Schwester Anna zu ihrer Mutter gesetzt hatte, in die Galerie der Abtei hinaufgegangen, um dort, wie er Arthur versprochen, nachzusehen, wie die kleinen Leute sich amüsierten. Inzwischen hatten auch all' die andern Paare sich aufgestellt, Hetty mit dem unvermeidlichen Gärtner Craig, Marie Burge mit Adam und nun ertönte Musik; und der herrliche Contretanz begann, der beste von allen Tänzen.

Wie schade, daß es kein hölzerner Fußboden war, dann hätte das taktmäßige Stampfen mit den dicken Schuhen alles Trommeln überboten. Das lustige Stampfen, das anmutige Neigen des Kopfes, das Reichen der Hand im Bogen – wo sieht man das jetzt noch? Das einfache Tanzen wohl eingehüllter Matronen, welche auf eine Stunde die Sorgen des Hauses und der Milchkammer ablegen, jugendlich fühlen, aber nicht jung scheinen wollen, auf die jungen Mädchen neben sich stolz, aber nicht eifersüchtig sind, – die Festtagslust stattlicher Ehemänner, die ihren Frauen niedliche Komplimente machen, als gingen sie wieder auf Freiersfüßen, – die Bursche und Mädchen, die gegenseitig nichts rechts mit sich anzufangen wissen, da sie sich nichts zu sagen haben, – ach, es wär' 'ne hübsche Abwechslung, all das bisweilen zu sehen, statt der ausgeschnittenen Kleider und der unendlich weiten Röcke und der spöttischen Musterung fremder Toiletten und der langweiligen, gelangweilten Herren mit lackierten Stiefeln und zweideutigem Lächeln!

Pachter Poysers Vergnügen bei diesem Tanze wurde nur durch eins gestört: er kam fortdauernd in unmittelbare Berührung mit dem Lucas, diesem unordentlichen Landwirt. Er wollte schon etwas eisige Kälte in seine Blicke legen, wenn's zum Avancieren käme; da aber Fräulein Irwine ihm ebenfalls gegenüberstand, so fiel die Kälte vielleicht nicht auf den Rechten allein und so ließ er sein Gesicht lustig aussehen, ungetrübt von moralischen Bedenken.

Wie Hetty das Herz schlug, als Arthur ihr nahe kam! Er hatte sie heute kaum angesehen; nun mußte er sie bei der Hand fassen. Ob er sie wohl drücken würde? ob er ihr wohl ins Gesicht sähe? Sie glaubte, sie würde weinen, wenn er ihr mit keinem Zeichen sein Gefühl bewiese. Jetzt war er da, jetzt faßte er sie bei der Hand, – ja und drückte sie leise. Hetty wurde blaß, als sie rasch zu ihm aufblickte und seinen Augen begegnete, ehe der Tanz ihn wieder entführte. Diese Blässe überschlich Arthur wie der Anfang eines dumpfen Schmerzes, und der Schmerz ließ ihn nicht los, obschon er weiter tanzen mußte und weiter lächeln und weiter scherzen. So würde Hetty aussehen, wenn er ihr sagte, was er ihr sagen müsse, und das würde er nicht ertragen können, würde wieder ein Narr sein und wieder schwach! In Wahrheit bedeutete Hettys Blick nicht soviel, als er dachte; er war nur das Zeichen eines Kampfes zwischen dem Wunsche, er möge ihr Aufmerksamkeiten erweisen, und der Furcht, sie könne diesen Wunsch andern verraten. Aber Hettys Gesicht hatte eine Sprache, die über ihre Empfindungen hinausging. Es giebt Gesichter, in welche die Natur eine Bedeutung und eine Leidenschaft hineinlegt, die nicht der einzelnen Menschenseele angehören, welche darunter weilt, sondern die Freuden und Leiden entschwundener Geschlechter ausdrücken; es giebt Augen aus denen tiefe Liebe spricht, welche gewiß irgendwo gewesen ist und noch ist, aber nicht zu diesen Augen gehört, sondern vielleicht zu andern matten Augen ohne jeden Ausdruck; – grade wie eine Sprache mit Poesie gesättigt sein kann, ohne daß die Lippen, welche sie sprechen, das empfinden. Jener Blick Hettys erfüllte Arthur mit Angst und doch wieder mit dem halb unbewußten Entzücken, daß sie ihn unbeschreiblich liebe. Eine schwere Aufgabe sah er vor sich; denn in dem Augenblicke fühlte er, daß er drei Jahre seiner Jugend für das Glück geben könne, sich seiner Leidenschaft für Hetty ohne Gewissensbisse zu überlassen.

Diese widerstreitenden Gedanken kreuzten sich in seiner Seele, als er Frau Poyser, die vor Ermüdung keuchte und sich im stillen gelobte, keine Macht der Welt solle sie zu einem zweiten Tanze vermögen, an ein ruhiges Plätzchen im Eßzimmer geleitete, wo das Abendbrot für die Gäste zu freier Auswahl bereitstand.

»Ich habe Hetty daran erinnert, daß sie Ihnen einen Tanz versprochen hat, Herr Kaptän,« sagte die gute, arglose Frau; »sie ist so vergeßlich, daß sie sich leicht für alle Tänze versagen könnte. Darum hab' ich ihr gesagt, sie möchte sich einige freihalten.

»Sehr freundlich, Frau Poyser,« antwortete Arthur, und sein Gewissen zuckte ein wenig zusammen. »Nun setzen Sie sich hier in diesen bequemen Stuhl, und der Bediente soll Ihnen herbringen, was Sie am liebsten essen.«

Er eilte fort, um mit einer andern Frau zu tanzen; denn erst mußte er den Verheirateten die gebührende Ehre erweisen, ehe er an die jungen Mädchen denken durfte, und die Contretänze und das Stampfen und das hübsche Neigen des Kopfes und das Händereichen – alles ging lustig seinen Gang.

Endlich kam der vierte Tanz, der Tanz, nach dem der starke, ernste Adam sich so gesehnt hatte, als wär' er ein zartes Bürschchen von achtzehn Jahren; denn bei unsrer ersten Liebe sind wir alle so ziemlich einer wie der andere, und Adam hatte Hettys Hand kaum je anders als zu einem flüchtigen Gruß berührt, hatte bisher nur einmal mit ihr getanzt. Wider Willen hatten seine Augen sie heute abend begierig verfolgt und immer tiefere Liebe eingesogen. Sie benahm sich so hübsch, fand er, so ruhig; schien durchaus nicht zu kokettieren, lächelte weniger als sonst, hatte fast etwas Liebes, Wehmütiges an sich. »Gottes Segen über sie!« sprach er zu sich; »ich wollte ihr ein glückliches Leben bereiten, wenn ein starker Arm, der für sie arbeitet, und ein Herz, das sie liebt, dazu ausreicht.«

Und dann beschlichen ihn süße Gedanken, wie er von der Arbeit nach Hause käme und Hetty an die Brust zöge und den sanften Druck ihrer Wange an seiner fühle, bis er vergaß, wo er war, und die Musik und das Stampfen der Füße ebensogut fallender Regen und rauschender Wind hätte sein können, – er hatte kein Bewußtsein davon.

Aber nun war der dritte Tanz zu Ende und er konnte zu ihr gehen und sie um ihre Hand bitten. Sie stand am andern Ende der Halle nahe an der Treppe und sprach mit Molly, die ihr grade die schlafende Totty auf den Arm gegeben hatte und nun nach den Tüchern und Hüten für die Kinder gegangen war. Die beiden Jungen hatte Frau Poyser ins Eßzimmer geholt und gab ihnen etwas Kuchen, ehe sie mit dem Großvater nach Hause zurückführen, und Molly sollte sobald als möglich nachfolgen.

»Laßt mich sie halten,« sagte Adam, als Molly fort war; »Kinder sind im Schlafe so schwer.«

Hetty war froh über diese Erleichterung; denn zu stehen und Totty auf dem Arme zu haben war keine angenehme Erholung. Aber bei diesem neuen Wechsel wachte Totty unglücklicherweise auf und zeigte sich nun so verdrießlich, wie alle Kinder von ihrem Alter, wenn man sie zur Unzeit weckt. Während Hetty sie Adam auf den Arm gab und selbst noch nicht ganz losgelassen hatte, schlug Totty die Augen auf und hieb sofort mit ihrem linken Händchen Adam auf den Arm und faßte mit der rechten in die braune Schnur an Hettys Halse. Das Medaillon sprang ihr aus dem Busen und im nächsten Augenblick war die Schnur zerrissen und Hetty sah Perlen und Medaillon auf dem Boden weit verstreut.

»Mein Medaillon, mein Medaillon!« flüsterte sie erschrocken halblaut Adam zu; »an den Perlen liegt mir nichts!«

Adam hatte schon gesehen, wo das Medaillon hingefallen war, da es beim ersten Anblick seine Aufmerksamkeit erregte. Es war auf die hölzerne Estrade gefallen, wo die Musikanten saßen, nicht auf den steinernen Flur, und als er es aufhob, sah er hinter dem Glase die dunkeln und hellen Haarlocken. Es war auf die andere Seite gefallen und das Glas daher nicht zerbrochen. Er drehte es in der Hand um und sah die emaillierte goldene Rückseite.

»Es hat keinen Schaden genommen,« sagte er und hielt es Hetty hin; da sie aber beide Hände voll mit Totty zu thun hatte, konnte sie es nicht an sich nehmen.

»O, es ist mir ganz einerlei,« antwortete sie, nun so rot wie sie vorher blaß gewesen.

»Einerlei?« fragte Adam verwundert. »Vorher schient Ihr so ängstlich. Ich will es Euch halten, bis Ihr es nehmen könnt,« fügte er hinzu und machte ruhig die Hand zu, damit sie nicht etwa glaube, er wolle es noch einmal besehen.

Jetzt kam Molly mit Hüten und Tüchern zurück, und sobald sie Totty wieder genommen hatte, gab Adam Hetty das Medaillon in die Hand. Sie nahm es gleichgültig hin und steckte es in die Tasche, im Herzen ärgerlich und böse auf Adam, weil er es gesehen hatte, aber entschlossen, nun kein Zeichen von Aufregung mehr zu geben.

»Da seht!« sagte sie, »man tritt schon an zum Tanzen; wollen wir auch anfangen?«

Adam folgte ihr schweigend. Eine unbestimmte Unruhe hatte ihn ergriffen. Hatte Hetty einen Liebhaber, von dem er nichts wußte? Von ihren Verwandten konnte ihr keiner ein solches Medaillon schenken, dessen war er sicher, und von ihren Verehrern, so weit sie ihm bekannt waren, war keiner ein angenommener Bewerber, und das mußte doch der Geber eines solchen Geschenkes sein. Adam war in der vollständigsten Unmöglichkeit, irgend jemand zu finden, auf den seine Befürchtungen gepaßt hätten; er empfand nur mit furchtbarem Schmerz, daß in Hettys Leben etwas sei, was sich vor ihm verberge, daß während er sich in der Hoffnung gewiegt habe, sie würde ihn allmählich lieben lernen, sie schon einen andern liebte. Das Vergnügen, mit Hetty zu tanzen, war dahin; wenn seine Augen auf ihr ruhten, hatten sie einen ängstlich forschenden Ausdruck; es fiel ihm nichts ein, was er ihr hätte sagen können, und sie war ebenfalls in schlechter Laune und nicht zum Sprechen aufgelegt. Beide waren froh, als der Tanz endlich vorbei war.

Adam war entschlossen, nicht länger zu bleiben; keiner verlangte nach ihm, keiner würde ihn vermissen, wenn er still fortginge. Sobald er draußen war, nahm er seinen gewohnten, raschen Schritt an und eilte fort, ohne zu wissen warum, nur voll von dem peinlichen Gedanken, daß die Erinnerung an diesen Tag trotz aller Ehren und Aussichten ihm für immer vergiftet sei. Plötzlich, als er schon tief im Park war, stand er still: ein Strahl von neu belebter Hoffnung hatte ihn getroffen. War er denn nicht ein Thor, aus einer Kleinigkeit sich ein großes Elend zu machen?! Hetty, putzsüchtig wie sie mal war, konnte sich das Ding ja selbst gekauft haben. Zwar sah es dafür etwas zu kostspielig aus, sah ganz so aus wie die Sachen auf weißer Seide in dem großen Goldschmiedsladen in Rosseter; aber von dem Wert solcher Sachen hatte Adam sehr ungenaue Vorstellungen, und nach seiner Meinung konnte es doch gewiß höchstens ein Pfund kosten. So viel konnte Hetty aus ihrer Sparbüchse und ihren Weihnachtsgeschenken zusammen gehabt haben; und daß sie kindisch genug gewesen sei, ihr ganzes Geld dafür auszugeben, war gar nicht undenkbar; sie war ja so 'n junges Ding und mußte den Putz wohl lieben! Aber warum war sie denn zuerst so ängstlich gewesen und hatte die Farbe gewechselt und nachher gethan als sei's ihr einerlei? O, ganz natürlich! Sie hatte sich geschämt, daß er solchen Putz bei ihr gesehen habe; sie war sich bewußt, wie unrecht es von ihr sei, ihr ganzes Geld dafür auszugeben, und sie wußte, daß Adam solchen Putz nicht leiden mochte; es war nur ein Beweis, daß ihr etwas daran lag, was er leiden mochte und was ihm mißfiel. Bei seinem nachherigen Schweigen und seiner ernsten Stimmung mußte sie gedacht haben, er sei sehr böse auf sie und werde gegen ihre Schwächen leicht hart und strenge sein. Und als er nun ruhiger weiter ging und diese neue Hoffnung immer wieder überdachte, da war seine einzige Besorgnis, sein Benehmen gegen Hetty könne ihre Neigung zu ihm herabstimmen. Denn seine letzte Ansicht von der Sache mußte doch die richtige sein. Wie konnte Hetty einen Liebhaber haben, den er gar nicht kannte? Aus ihres Onkels Hause war sie nie länger als einen Tag fort; sie konnte nur Bekanntschaften haben, die dort im Hause verkehrten, und keine Vertraulichkeiten konnten vorkommen, ohne daß Onkel und Tante drum wußten. Es war ja reine Thorheit zu glauben, ein Liebhaber habe ihr das Medaillon geschenkt. Der kleine Ring von schwarzem Haar war gewiß ihr eignes; über das helle Haar darunter hatte er keine Vermutung, da er es nicht genau gesehen hatte; möglich, daß es von ihrem Vater oder ihrer Mutter war, die sie beide schon als Kind verloren hatte, und natürlich hatte sie von ihrem eigenen etwas hinzugethan.

So ging Adam zu Bett, nachdem er sich ein feines Gewebe von Möglichkeiten gewebt hatte – der beste Schirm, den ein kluger Mann zwischen sich und die Wahrheit stellen kann. Seine letzten, wachen Gedanken flossen hinüber in einen Traum, wo er wieder bei Hetty auf dem Pachthof war und sie um Verzeihung bat, daß er so kalt und schweigsam gewesen.

Und während er das träumte, führte Arthur Hetty zum Tanz und flüsterte ihr leise und verstohlen zu: »Übermorgen um sieben bin ich im Wäldchen; komm so früh du kannst.« Und Hettys thörichte Freuden und Hoffnungen, die vor einem bloßen Nichts eine kurze Strecke weggeflogen waren, kamen nun alle zurückgeflattert ohne Ahnung der wirklichen Gefahr. Zum erstenmal an diesem langen Tage war sie glücklich und wünschte, der Tanz möchte Stunden lang dauern. Arthur wünschte das auch; es war die letzte Schwäche, die er sich zu gestatten dachte, und niemals erliegt der Mensch einer Leidenschaft mit schwelgenderem Entzücken, als wenn er sich eingeredet hat, morgen werde er sie bezwingen.

Aber Frau Poysers Wünsche waren das grade Gegenteil davon; ihr schwebten düstere Ahnungen vor der Seele, wie sehr sich nach diesem späten Aufbleiben morgen früh das Käsemachen hinschleppen könne. Nun Hetty ihre Pflicht gethan und einen Tanz mit dem jungen Herrn getanzt hatte, mußte ihr Mann hinausgehen und nachsehen, ob der Karren schon wieder zurück sei, denn es war halb elf, und obschon Poyser leise andeutete, es sei doch unschicklich, wenn sie zuerst weggingen, bestand Frau Poyser auf ihrem Willen, »unschicklich oder nicht.«

»Wie? Sie wollen schon fort, Frau Poyser?« sagte der alte Donnithorne, als sie sich ihm zum Abschied empfahl. »Ich hoffte, keiner von unsern Gästen würde vor elf Uhr aufbrechen; Madame Irwine und ich wollen trotz unsrer Jahre dem Tanzen so lange zusehen.«

»O Ew. Ehren, für vornehme Leute ist das alles recht schön und gut, bei Licht aufzubleiben; die haben keinen Käse auf dem Herzen. Es ist so schon spät genug für uns, und den Kühen kann man nicht sagen, morgen früh müßten sie auf das Melken ein bißchen warten. Wenn Sie uns also entschuldigen wollten, so möchten wir uns wohl empfehlen.«

»Na,« sagte sie zu ihrem Mann, als sie fortfuhren, »ich möchte lieber das Brauen und das Waschen an einem Tage zusammen haben, als wieder so 'nen lustigen Tag. Was das angreift, so herumziehen und angaffen und nicht recht wissen, was nun kommt, und immer ein Lächeln auf dem Gesicht haben wie ein Krämer am Markttag, weil sonst die Leute meinen könnten, man sei nicht höflich genug –! Und wenn's vorbei ist, hat man nichts davon als vielleicht ein gelbes Gesicht von all dem vielen Essen, was einem nicht bekommt.«

»Nein, nein,« erwiderte ihr Mann, der in seiner lustigsten Laune war und das Bewußtsein hatte, er habe einen großen Tag hinter sich, »ein bißchen Pläsir ist dir bisweilen ganz gut. Und tanzen kannst du auch wie eine; was leichte Füße und Beine angeht, da bestehst du gegen alle Frauen im Kirchspiel, dafür bin ich gut. Und 'ne große Ehre war's doch, daß der junge Herr dich zuerst aufforderte; es war wohl deshalb, weil ich bei Tische obenan saß und seine Gesundheit ausbrachte. Na, und du Hetty! So 'nen Tänzer hast du doch noch nie gehabt, einen hübschen jungen Offizier in Uniform. Davon kannst du noch sprechen, wenn du ein altes Mütterchen bist, Hetty, wie du mit dem jungen Herrn getanzt hast an dem Tag als er großjährig wurde.«