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Da geschah es, daß mich das nächste Jahr gerade zur selben Zeit, wie ein periodisches Fieber, die Lust packte, Italien wiederzusehen. Ich entschied mich sofort zur Reise, denn in Florenz, Venedig und Rom gewesen zu sein, gehört beinahe zur Erziehung. Außerdem giebt es tausendfach Gesprächsstoff, wobei man auf billige Art scheinbar tiefsinnig über Kunst reden kann.

Diesmal reiste ich allein und kam mit demselben Zuge, wie das Jahr vorher in Genua an. Nur hatte ich kein Reiseabenteuer. Ich ging in's selbe Hotel und erhielt sogar zufällig dasselbe Zimmer.

Aber als ich kaum zu Bett lag, kam mir die Erinnerung an Francesca. Schon am Tage vorher hatte ich ab und zu einmal an sie gedacht, aber jetzt ließ mich ihr Bild nicht wieder los.

Kennen Sie wohl das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man zufällig einen Ort wiedersieht, wo man einmal eine Liebeszeit verbracht?

Ich kenne kaum heftigere und bitterere Empfindungen. Man glaubt, sie müsse jeden Augenblick lächelnd eintreten und die Arme öffnen. Ihr flüchtiges und doch scharfes Bild steht vor uns, vergeht, erscheint, und verschwindet von neuem. Es liegt wie ein Alp auf der Brust, es schleicht sich in die Seele und peinigt alle Sinne mit seiner schemenhaften Gegenwart. Man meint sie zu sehen, ihren Duft zu riechen. Es ist als fühlte man ihre Küsse, ihr süßes Fleisch. Und doch ist man einsam. Man weiß es und das erwachte Trugbild schafft unendliche Qualen. Düstere, herzzerreißende Traurigkeit überfällt uns. Man meint eben erst verlassen zu sein. Alles kommt einem traurig vor, senkt einem furchtbare Verlassenheit und Einsamkeit in die Seele. Nie, nie, nie soll man die Stadt, das Haus, das Zimmer, Wald, Garten, Ruheplatz wiedersehen, wo man mit einer Frau einst glücklich gewesen ist.

Kurz, die Erinnerung an Francesca verfolgte mich die ganze Nacht hindurch. Und allmählich stieg der Wunsch in mir auf, sie wiederzusehen, erst nur dumpf, nur verworren, dann lebhafter, endlich brannte er mir auf dem Herzen. Und ich beschloß den nächsten Tag in Genua zu bleiben, um den Versuch zu machen, sie zu finden. Gelang es mir nicht, so wollte ich mit dem Abendzuge weiter fahren.

Ich fing am Morgen also an zu suchen. Ich wußte noch genau, was sie mir angegeben: Straße Vittorio Emanuele – Passage Falcone – Nebenstraße Santo Raphaële – Möbelhändler – Hof – rechts.

Ich hatte einige Schwierigkeit mich zurecht zu finden und klopfte an der Thür eines etwas baufälligen Nebengebäudes. Ein dickes Weib öffnete. Einst mußte sie sehr schön gewesen sein, heute war sie nur sehr schmutzig. Obgleich sie zu fett war, hatte sie doch noch immer beinahe majestätische Züge. Ihr unfrisiertes Haar fiel ihr in die Stirn und hing auf die Schultern herab. Man erriet unter einem über und über mit Flecken besäten Schlafrock einen schlaffen, dicken Körper. Um den Hals trug sie einen riesigen, vergoldeten Schmuck und an den Armen prachtvolle Filigranarmbänder, Genueser Arbeit.

Sie fragte mit feindlichem Ausdruck:

– Was wünschen Sie?

Ich antwortete:

– Wohnt hier nicht Fräulein Francesca Rondoli?

– Was wollen Sie von ihr?

– Ich habe die Ehre gehabt, sie voriges Jahr kennen zu lernen und würde sie gern wiedersehen.

Das alte Weib prüfte mich mißtrauischen Blickes:

– Wo haben Sie sie getroffen?

– Hier in Genua.

– Wie heißen Sie?

Eine Sekunde zögerte ich, dann sagte ich meinen Namen. Kaum hatte ihn die Italienerin gehört, als sie die Arme hob, als wollte sie mich küssen:

– Ah, Sie sind der Franzose. Ach das freut mich aber, Sie zu sehen! Das freut mich! Aber Sie haben dem armen Kind solchen Kummer gemacht. Sie hat einen Monat auf Sie gewartet, jawohl, einen Monat. Sie glaubte, Sie würden sie am ersten Tage abholen. Sie wollte bloß sehen, ob Sie sie lieb hätten. Ach hat die geweint, als sie einsah, daß Sie nicht kommen würden. Ja, ja, mein Herr, den ganzen Tag hat sie geweint. Dann ist sie in's Hotel gegangen. Sie waren fort. Da glaubte sie, Sie wollten erst Ihre Reise weiter machen in Italien, und daß Sie wieder durch Genua kommen würden, um sie auf dem Rückwege abzuholen, weil sie doch nicht hatte mitkommen wollen. Und sie hat gewartet, ja mein Herr, länger als einen Monat. Und sie war so traurig, ach jemine, so traurig. Ich bin nämlich ihre Mutter!

Ich war wirklich etwas aus der Fassung geraten. Doch ich gewann meine Sicherheit wieder und fragte:

– Ist sie jetzt hier?

– Nein, mein Herr, sie ist in Paris. Mit einem Maler. Ein sehr netter Mensch, mein Herr, der sie liebt, ja der sie fürchterlich liebt, und der ihr alles giebt, was sie haben will. Sehen Sie, das schickt sie mir, hier, das, ihrer Mutter. Das ist doch nett.

Und sie zeigte mir mit echt südlicher Lebhaftigkeit die mächtigen Armbänder an ihren Armen und die schwere Kette um den Hals. Dann fuhr sie fort:

– Ich habe nämlich auch zwei Ohrringe mit Steinen und ein seidenes Kleid und Ringe. Aber das trage ich nicht früh morgens, sondern nur wenn ich Toilette mache. O sie ist sehr glücklich, mein Herr, sehr glücklich. Sie wird sich riesig freuen, wenn ich ihr schreibe, daß Sie gekommen sind. Aber treten Sie doch ein, mein Herr, nehmen Sie doch Platz. Sie müssen etwas genießen. Treten Sie nur näher.

Ich lehnte ab. Nun war ich entschlossen, mit dem nächsten Zuge abzureisen. Aber sie hatte mich beim Arm genommen und zog mich herein, indem sie wiederholte:

– Treten Sie näher, mein Herr, ich muß ihr doch schreiben können, daß Sie bei uns gewesen sind.

Ich trat in einen kleinen dunklen Raum, indem ein Tisch und ein paar Stühle standen. Sie begann von neuem:

– Oh, sie ist jetzt sehr glücklich. Als Sie sie damals trafen in der Eisenbahn, da war sie nämlich sehr unglücklich. Ihr Freund hatte sie in Marseille verlassen. Und das arme Kind kam wieder. Sie hat Sie gleich lieb gehabt, aber wissen Sie, sie war noch 'n bißchen traurig. Jetzt fehlt ihr nichts mehr. Sie schreibt mir nämlich alles. Er heißt Herr Bellemin. Er soll bei Ihnen ein großer Maler sein. Er hat sie hier auf der Straße getroffen, ja wohl mein Herr, auf der Straße, und er hat sie gleich geliebt, sofort. Aber Sie müssen wirklich ein Gläschen Syrup trinken. Er ist sehr gut. Sind Sie dieses Jahr allein?

Ich antwortete:

– Ja, ganz allein.

Mich hatte eine immer steigende Lachlust überkommen, und meine Verzweiflung verflog völlig bei den Auseinandersetzungen der Frau Rondoli. Ich mußte ein Glas Syrup leeren. Dann fuhr sie fort:

– Ist nicht möglich, Sie sind allein? Ach das ist aber zu schade, daß Francesca nicht hier ist. Sie hätte Ihnen Gesellschaft geleistet, solange Sie hier sind. Das ist doch langweilig so ganz allein. Das wird ihr aber leid thun.

Als ich mich erhob rief sie:

– Aber wenn Sie wollen, kann Carlotta mit Ihnen gehen. Sie kennt alle Spaziergänge. Das ist nämlich meine andere Tochter, mein Herr, die zweite.

Wahrscheinlich hielt sie mein Erstaunen für Zustimmung, denn sie stürzte an die Innenthür, öffnete sie und rief in's Dunkel einer Treppe hinaus, die man nicht erkennen konnte:

– Carlotta! Carlotta! Komm mal schnell runter! Schnell, liebes Kind.

Ich wollte Einspruch erheben, aber sie ließ mich gar nicht dazu kommen:

– Nein, sie wird Ihnen schon Gesellschaft leisten. Sie ist sehr sanft und viel heiterer als die andere. Es ist wirklich ein gutes Ding, ein sehr gutes Ding. Ich habe sie sehr lieb.

Ich hörte auf der Treppe Hausschuhe klappen, und ein großes Mädchen erschien. Schlank, braun und hübsch, aber gleichfalls unfrisiert. Ein altes Kleid der Mutter ließ einen jungen, schlanken Körper erraten.

Frau Rondoli erklärte ihr sofort:

– Das ist Francesca ihr Franzose, weißt Du, der vom vorigen Jahr. Er wollte sie abholen. Der Arme ist ganz allein und da habe ich ihm gesagt, daß Du gewiß mitkommen würdest, um ihm Gesellschaft zu leisten.

Carlotta blickte mich mit ihren schönen, braunen Augen an und antwortete lächelnd:

– Wenn's ihm paßt – mir soll's recht sein.

Wie konnte ich nein sagen? Ich erklärte:

– Aber gewiß paßt es mir!

Da schob sie Frau Rondoli aus dem Zimmer:

– Schnell, mach' Dich fertig, schnell, schnell! Zieh Dein blaues Kleid an und den Hut mit den Blumen. Nur fix!

Sobald die Tochter gegangen, erklärte sie mir:

– Ich habe noch zwei. – Aber die sind kleiner. Wissen Sie das kostet Geld, vier Kinder erziehen! Na die Älteste ist ja nun glücklicherweise untergebracht!

Dann erzählte sie mir von ihrem Leben, von ihrem verstorbenen Mann, der Eisenbahnbeamter gewesen, und setzte mir alle Eigenschaften ihrer zweiten Tochter Carlotta auseinander.

Jene kam zurück. Sie war genau in der Art der Ältesten angezogen: auffallend und etwas wunderlich.

Die Mutter musterte sie von oben bis unten, dann sagte sie, da sie sie nach ihrem Geschmacke zu finden schien:

– Na Kinder, nun schiebt ab!

Dann rief sie noch ihrer Tochter zu:

– Vor allem, daß Du mir nicht heute abend nach zehn wiederkommst. Du weißt, das Thor ist zu.

Carlotta antwortete:

– Mama, Du brauchst keine Angst zu haben!

Sie hing sich an meinen Arm und ich bummelte mit ihr durch die Straßen, wie einst mit ihrer Schwester im verflossenen Jahr.

Zum Frühstück gingen wir in's Hotel, dann führte ich meine neue Freundin nach Santa Margharita, denselben Weg, den ich damals mit Francesca geschritten.

Und Abends ging sie nicht nach Haus, obwohl die Thür nach zehn Uhr zugeschlossen war.

Und während der vierzehn Tage, die ich bleiben konnte, machte ich mit Carlotta Ausflüge in die Umgebung von Genua. Ich habe mich nach der Anderen nicht gesehnt.

Unter Tränen nahm ich Abschied, und ich ließ ihr ein Geschenk zurück, für ihre Mutter aber vier Armbänder.

Dieser Tage nun will ich Italien wiedersehen und mich beschleicht halb Unruhe, halb Hoffnung, wenn ich daran denke, daß Frau Rondoli noch zwei Töchter ihr eigen nennt.

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