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Der Ruf der Wildnis.  Jack London
Kapitel 5. Die Schrecken des langen Pfades
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Dreißig Tage nachdem sie Dawson verlassen hatten, kamen die Postschlitten mit Buck und seinen Gefährten in Skaguay an. Sie waren in einem elenden Zustand, übermüdet und abgerackert. Bucks hundertvierzig Pfund waren auf hundertfünfzehn zusammengeschrumpft. Die anderen hatten im Verhältnis zu ihrer Größe noch mehr Gewicht verloren. Pike, der so oft in seinem Leben ein wundes Bein vorgetäuscht hatte, hinkte nun wirklich. Solleks lahmte, und Dub hatte ein verrenktes Schulterblatt.

Ihre Pfoten waren zerfetzt und wund, und den Sprunggelenken fehlte jede Spannkraft. Schwerfällig trotteten sie vor dem Schlitten und brauchten die doppelte Kraft, ihn zu ziehen. Das war keine gewöhnliche Müdigkeit mehr, von der man sich nach ein paar Ruhestunden erholt hat. Nach wochenlanger Überanstrengung waren ihre Körper erschlafft, und alle Kraftreserven fehlten. Sie konnten nicht mehr. Ihre Muskeln versagten, jede Faser, jede Sehne ihres Körpers war schlaff und kraftlos. In weniger als fünf Monaten hatten sie zweitausendfünfhundert Meilen zurückgelegt, und die Rasttage waren viel zu kurz gewesen. Als sie in Skaguay ankamen, stolperten sie auf ihren letzten Beinen. Sie waren kaum mehr imstande, die Stränge straff zu halten, und beim Bergabgleiten kamen sie fast unter die Kufen.

»Oh, ihr armen, armen Kerle«, redete ihnen das Halbblut zu, als sie die Hauptstraße hinuntertorkelten. »Gleich sind wir da! Dann gibt’s eine lange Rast. Ganz sicher! Eine verdammt lange Rast!«

Alle Kuriere hofften auf eine lange Rast. Wer zwölfhundert Meilen neben dem Schlitten herläuft, hat sich ehrlich seine Erholung verdient. Aber es sollte anders kommen. Dort oben in Klondike lebten allzu viele Männer, die auf Nachricht warteten, und allzu viele Frauen und Kinder warteten im Süden auf Nachricht von ihren Gatten und Vätern. Dazu kamen noch amtliche Schriftstücke. Die wartende Post hatte sich wahrhaftig zu einem Riesenberg aufgestapelt. Die Hunde waren für eine neue Fahrt nicht mehr tauglich, und sie mußten durch neue ersetzt werden.

Drei Tage vergingen, und Buck und seine Gefährten merkten erst jetzt, wie übermüdet und schwach sie waren. Am Morgen des vierten Tages erschienen zwei Männer aus den Staaten und kauften sie in Bausch und Bogen um einen Pappenstiel. Sie nannten sich Hal und Charles. Charles war ein Mann mittleren Alters, leicht gebräunt, mit schwachen, wäßrigen Augen. Sein mächtiger Schnurrbart konnte die schlaff herabhängenden Lippen nicht verbergen. Hal dagegen war ein Kerl von neunzehn oder zwanzig Jahren, der an seinem Gürtel einen großen Revolver und ein Jagdmesser hängen hatte. Dieser mit Patronen gespickte Gürtel war das einzig Bemerkenswerte an ihm, er verriet seine schier strafbare Unreife. In ihrer Gesellschaft war auch eine Frau, Mercedes hieß sie, und sie nannte Charles ihren Mann und Hal ihren Bruder. Beide Männer waren hier fremd und paßten auch nicht ins Nordland.

Buck hörte dem Schachern zu, sah, wie zwischen den Männern und dem Regierungskurier Geld gewechselt wurde, und wußte nun, daß das Halbblut und die anderen Schlittenlenker ebenso aus seinem Leben verschwinden würden wie Perrault und François. Als Buck mit seinen Gefährten zum Lager seiner neuen Besitzer getrieben wurde, fand er dort eine heillose Wirtschaft. Das Zelt war unordentlich gespannt, das Eßgeschirr schmutzig und alles verschlampt und ungepflegt.

Buck sah ihnen neugierig zu, wie sie sich umständlich daranmachten, das Zelt abzureißen und die Schlitten zu beladen. Jede Erfahrung fehlte ihnen. Das Zelt wurde zu einem plumpen Bündel zusammengerollt, das dreimal so groß war, als es hätte sein dürfen. Das Geschirr wurde, wie es war, schmutzig und ungespült auf den Schlitten geworfen. Anstatt zu helfen, stand Mercedes den Männern nur im Weg, sie rannte bald dorthin, bald dahin, redete ohne Unterbrechung und tat doch nichts.

Wenn sie einen Kleidersack vorne auf den Schlitten legten, schlug sie vor, ihn hinten anzubringen, und wenn sie ihn dann rückwärts verstaut und bereits ein paar Bündel darauf verschnürt hatten, entdeckte sie, daß zuunterst Dinge lagen, die sie notwendig brauchte. Also wurde wieder umgepackt.

Die Männer vom Nachbarzelt beobachteten dieses unsinnige Getue und zwinkerten sich gegenseitig zu.

»Ihr habt da eine ganz schöne Ladung beisammen«, sagte einer von ihnen, »es geht mich zwar nichts an, aber ich an eurer Stelle würde das Zelt nicht mitschleppen.«

»Nicht daran zu denken!« schrie Mercedes und rang theatralisch die Hände. »Ich kann doch ohne Zelt nicht auskommen!«

»Aber ja, es wird schon gehen, es ist Frühling, und das kalte Wetter ist vorbei«, erwiderte der Mann.

Sie schüttelte entschieden den Kopf und legte die letzten Kleinigkeiten auf die Riesenladung.

»Glaubt ihr, daß ihr damit weiterkommt?« fragte ein anderer.

»Warum nicht?« entgegnete Charles kurz angebunden.

»Schon gut, schon gut. Ich erlaube mir nur, mich zu wundern, es scheint mir eine Kleinigkeit zu schwer.«

Charles kehrte ihm den Rücken zu und zog die Verschnürung fest, so gut er es konnte, das heißt, er zog sie nur sehr ungenügend fest.

»Das alles sollen die Hunde ziehen?« fragte ein Neuankommender.

»Selbstverständlich! Dazu sind sie ja da!« antwortete Hal eisig und hob die Peitsche. »Hüh!« schrie er. »Hüh! Vorwärts!«

Die Hunde zogen mit aller Kraft an, mußten aber wieder aussetzen. Der Schlitten hatte sich nicht von der Stelle gerührt.

»Ihr faulen Biester, ich werd’s euch schon zeigen!« schrie Hal und holte mit der Peitsche zum Schlag aus.

Mercedes fiel ihm in den Arm und beschwor ihn: »O Hal, bitte nicht schlagen, das darfst du nicht!« Sie versuchte, ihm die Peitsche zu entwinden. »Ihr armen Lieblinge! Du mußt mir versprechen, den Rest der Fahrt nicht so streng mit ihnen zu sein, sonst gehe ich keinen Schritt weiter.«

»Was weißt denn du von Hunden?« antwortete ihr Bruder grob. »Laß mich zufrieden! Sie sind faul, sie brauchen die Peitsche. Das kann dir jeder sagen. Frag nur einen dieser Männer!«

Mercedes blickte flehend um sich, und in ihrem hübschen Gesicht stand die Abneigung gegen häßliche Dinge geschrieben.

»Sie sind zu schwach, das ist alles, wenn ihr’s wissen wollt«, antwortete einer von den Umstehenden. »Höllisch abgerackert sind sie. Ruhe brauchen sie.«

»Rutsch mir mit deiner Ruhe den Buckel runter!« rief der milchgesichtige Hal. Mercedes sagte entsetzt »Oh!«, ob aus Mitgefühl für die Hunde oder wegen der ordinären Ausdrucksweise ihres Bruders blieb dahingestellt. Aber da sie Familienstolz besaß, kam sie trotzdem ihrem Bruder sofort zu Hilfe.

»Kümmere dich nicht um den Mann. Die Hunde gehören uns, und was wir mit ihnen tun, ist unsere Sache.«

Und wieder sauste Hals Peitsche auf die Hunde nieder. Noch einmal warfen sie sich verzweifelt in die Stränge und setzten ihre ganze Kraft ein. Aber der Schlitten steckte fest, als ob er verankert wäre. Nach dem zweiten Versuch standen sie keuchend still. Zum drittenmal pfiff die Peitsche durch die Luft. Das war für Mercedes zuviel. Sie warf sich vor Buck auf die Knie, Tränen in den Augen, und schlang die Arme um seinen Nacken.

»Ihr armen, armen Lieblinge«, rief sie, »zieht doch, dann schlägt euch niemand!«

Buck wußte mit diesen Liebkosungen nichts anzufangen, sie waren ihm zuwider. Aber er war viel zu müde, sich dagegen zu wehren.

Einer der Zuschauer, der bisher nur mit Mühe seinen Unwillen unterdrückt hatte, brach jetzt los: »Ich scher mich einen blauen Teufel um euch und was aus euch wird, aber die Hunde tun mir leid. Seht ihr denn nicht, ihr gottverlassenen Kerle, daß der Schlitten festsitzt! Brecht ihn zuerst los, dann könnt ihr weitersehen.«

Widerwillig, etwas beschämt, folgte Hal dem Rat, und mit Hilfe seines Schwagers brach er die Kufen los. Trotzdem kam der überladene, schlecht bepackte Schlitten nur mühsam vorwärts, auch die Schläge, die wahllos auf die Hunde niederfielen, halfen nichts. Hundert Yards weiter bog der Pfad ab und fiel steil zur Hauptstraße hinunter. Selbst für einen erfahrenen Mann wäre es nicht leicht gewesen, den hochbeladenen Schlitten im Gleichgewicht zu halten, für Hal war es ein Ding der Unmöglichkeit. Als sie in die Kurve einschwenkten, kippte der Schlitten um, und die halbe Ladung rollte auf die Straße. Die Hunde, wütend über die schlechte Behandlung, sahen wohl die Bescherung, aber es fiel ihnen nicht ein anzuhalten, im Gegenteil, sie begannen unter Bucks Führung ein rasendes Tempo vorzulegen. Hal schrie, aber sie hörten nicht auf ihn. Er strauchelte und verlor den Halt. Der umgekippte Schlitten schleifte unter dem Gejohle der Zuschauer die Straße hinab, zu beiden Seiten fiel die Ladung herunter und säumte die Straße ein.

Ein paar gutherzige Leute hielten die Hunde auf und sammelten die zerstreuten Habseligkeiten. Dann aber redeten sie mit den drei Besitzern ein ernstes Wort: Halbe Ladung, doppelt soviele Hunde, dann wäre es vielleicht möglich, Dawson zu erreichen. Hal samt Schwester und Schwager hörten unwillig zu, bequemten sich aber, auszupacken. Die seltsamsten Dinge kamen zum Vorschein, über die sich die Umstehenden halb krank lachten. »Wozu braucht ihr Leintücher?« rief einer der Männer. »Halb soviel ist noch zuviel. Schmeißt das Zelt weg und all dies Tellerzeug. Wer, glaubt ihr, wird es euch denn waschen? Guter Gott, meint ihr in einem Schlafwagen zu reisen?«

Mercedes jammerte, als man ihre Kleidersäcke ausleerte. Sie kämpfte um jede Kleinigkeit, und als sie die Aussichtslosigkeit ihres Tuns einsah, setzte sie sich mit verschränkten Armen auf den umgestürzten Schlitten und erklärte, um keinen Preis weiterfahren zu wollen. Aber da niemand Mitleid mit ihr hatte, gab sie den Widerstand auf und warf nicht nur nutzlose Sachen fort, sondern auch solche, die ihre Männer notwendig gebraucht hätten.

Die Ausrüstung war zwar jetzt nur mehr halb so groß, aber noch immer schwer genug. Charles und Hal kauften abends noch sechs Hunde. Zusammen mit den sechs alten und Teek und Koona, den beiden Huskies, die man bei den Rink-Stromschnellen auf der Rekordfahrt erstanden hatte, bestand das Gespann nun aus vierzehn Hunden. Aber die neuen zählten kaum. Einer war ein Neufundländer, drei waren kurzhaarige Jagdhunde und die anderen zwei rassenlose Mischlinge. Sie hatten vom Schlittenführen keine Ahnung, und die alten, erfahrenen Hunde betrachteten sie mit Unwillen. Buck konnte ihnen zur Not beibringen, was sie nicht tun durften, aber was sie tun sollten, sie das zu lehren, war ganz und gar unmöglich. Mit Ausnahme der zwei Bastarde standen sie ihrer wilden Umgebung fremd gegenüber, die schlechte Behandlung hatte sie verwirrt und widerspenstig gemacht, während die beiden stumpfsinnigen Köter nur fürs Fressen Interesse aufbrachten. Es waren trostlose Aussichten.

Die beiden Männer aber sahen das alles nicht, sie waren stolz auf ihr Gespann und überzeugt, ihre Sache groß angelegt zu haben. Sie hatten schon so manchen Schlitten nach Dawson fahren oder von Dawson kommen sehen, aber nie einen Schlitten mit vierzehn Hunden! Es kam ihnen nicht in den Sinn, daß vierzehn Hunde auch fressen wollen und daß man niemals die Nahrung für vierzehn Hunde auf einem Schlitten mitführen kann. Sie hatten die Route auf dem Papier fein säuberlich ausgearbeitet, soviel für einen Hund, soviel Hunde, soviele Tage, und je mehr Hunde, desto schneller die Fahrt. Das war so einfach! Mercedes sah ihnen beim Plänemachen über die Schulter und nickte zustimmend.

Spät am nächsten Morgen führte Buck das lange Gespann die Straße hinauf aus dem Ort. Sein Herz war nicht bei der Sache, und genauso gleichgültig trotteten die anderen Hunde ihm nach. Er war nicht mehr der stolze, ehrgeizige Führer eines stolzen Gespanns. Viermal schon hatte Buck diesen Weg zurückgelegt, aber noch niemals so abgehetzt und so übermüdet. Die Neulinge waren furchtsam und verstört, und die alten Veteranen hatten kein Vertrauen zu ihren neuen Herren. Buck fühlte, daß er sich auf diese Männer und auf diese Frau nicht verlassen konnte. Sie verstanden nichts, konnten nichts und lernten auch nichts!

Sie waren nachlässig, träge und ohne Ordnung und Disziplin. Die halbe Nacht werkten sie, um ihr schlampiges Lager aufzubauen, und den halben Vormittag, um es wieder abzubrechen und den Schlitten zu beladen, so nachlässig, daß sie tagsüber immer wieder anhalten und die Last umpacken mußten. An manchen Tagen kamen sie nicht einmal zehn Meilen vorwärts, andere vertrödelten sie und brachen überhaupt nicht auf. Es gelang ihnen niemals, mehr als die Hälfte der Entfernung zurückzulegen, die sie als Basis für ihren Hundefuttervorrat angenommen hatten.

Kommende Hungertage waren unvermeidlich. Die Neulinge waren die schwere Arbeit noch nicht gewohnt und verlangten immer mehr zu fressen, und Hal verdoppelte ihre Rationen, um sie anzuspornen. Noch dazu fütterte Mercedes die Tiere heimlich, wenn es den Tränen in ihren hübschen Augen nicht gelang, den Männern größere Portionen für die Hunde abzuschmeicheln. Aber es war ja nicht Futter, das Buck und den Huskies fehlte. Sie brauchten Ruhe, das war alles.

Dann kam der Hunger wirklich. Eines Tages entdeckte Hal, daß das Hundefutter halb verbraucht, der Weg jedoch erst zu einem Drittel zurückgelegt war. Nirgends war zusätzlich Nahrung aufzutreiben, weder mit Geld noch mit guten Worten. Hal kürzte die Rationen und erhöhte gleichzeitig die Tagesleistung. Das erste hätten die Tiere vielleicht noch ausgehalten, das letztere ging über ihre Kräfte.

Als erster schied Dub aus. Armer, ungeschickter Dieb, stets war er erwischt und bestraft worden! Aber er hatte seine Arbeit redlich verrichtet. Niemand kümmerte sich um sein verletztes Schulterblatt, es wurde immer schlechter, und eines Tages erschoß ihn Hal mit seinem großen Revolver. Ein Sprichwort im Nordland sagt, daß ein Hund aus dem Süden bei der Ration eines Huskies an Hunger stirbt. Die sechs Neulinge in Bucks Gespann, die nun nur mehr die halbe Ration eines Huskies erhielten, waren daher bald mit ihrer Kraft am Ende. Eines Morgens fand man den Neufundländer tot am Boden liegen, ihm folgten die drei kurzhaarigen Jagdhunde, die beiden Mischlinge hielten noch eine Zeitlang aus, aber gingen endlich auch ein.

Der Norden war für die Männer und Mercedes ein Land des Zaubers, der Romantik gewesen, die rauhe Wirklichkeit zerstörte aber bald nicht nur ihre Träume, sondern auch ihre guten Sitten. Mercedes weinte nicht mehr über das Elend der Hunde, sie war zu sehr damit beschäftigt, über ihr eigenes zu weinen, sich zu bemitleiden und mit den Männern zu zanken. Mochten sie für alles andere zu müde sein, für einen Streit waren sie niemals zu müde. Ihr Elend machte sie reizbar, und je elender sie sich fühlten, um so streitsüchtiger wurden sie. Die Ruhe und Ausgeglichenheit der echten Nordleute, die harte Entbehrungen mit Geduld und Ausdauer ertragen und friedlich und hilfsbereit bleiben, war diesen Männern und dieser Frau fremd. Je mehr sie leiden mußten, um so unduldsamer wurden sie.

Sie zankten sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Sie warfen sich gegenseitig Faulheit und Bequemlichkeit vor. Jeder glaubte, seine eigene Leistung sei etwas ganz besonderes, und war tief beleidigt, wenn es die anderen nicht anerkannten. Mercedes stand bald auf der Seite ihres Mannes, bald auf der ihres Bruders, und einem regelrechten Familienstreit stand nichts mehr im Weg, in den auch Väter und Mütter, Vettern und Basen mit hineingezerrt wurden; auch solche, die mit ihrer gegenwärtigen Lage gar nichts, aber schon gar nichts zu tun hatten, gaben Anlaß zu nie endenden Auseinandersetzungen. Konnten sie sich nicht einigen, wer das Brennholz schneiden sollte, beschimpften sie sich gegenseitig. Was, um Himmels willen, hatten die Dramen, die ein Onkel schrieb, mit dem Schneiden von Brennholz zu tun? Über ihrem Zank vergaßen sie alles. Sie vergaßen die Hunde zu füttern, das Feuer anzumachen, das Lager aufzubauen.

Mercedes war stets gekränkt oder fühlte sich beleidigt. Sie war eine hübsche und anlehnungsbedürftige Person und gewöhnt, galant und ritterlich behandelt zu werden. Was sie aber jetzt von ihrem Mann und ihrem Bruder zu hören bekam, hatte mit Ritterlichkeit nicht die geringste Ähnlichkeit mehr. Sie spielte gern die Hilflose und pochte auf Vorrechte, die, wie sie glaubte, einer Frau gebührten. Aber die Männer hatten in der Lage, in der sie sich befanden, keinen Sinn dafür. Längst hatte sie ihr Mitleid mit den Hunden vergessen, sie war müde und fußwund und bestand darauf, auf dem Schlitten zu fahren. Eine hübsche kleine Frau war sie, aber die abgerackerten und halbverhungerten Tiere hatten den Schlitten auch ohne ihr Gewicht kaum mehr schleppen können. Tagelang saß sie oben, bis die Hunde nicht mehr weiterkonnten. Charles und Hal baten sie abzusteigen, befahlen und flehten, und als dies nichts nützte, begann Hal zu fluchen. Mercedes schluchzte nur und rief den Himmel zum Zeugen für die Brutalität ihrer Männer an.

Einmal wandten sie Gewalt an und warfen sie vom Schlitten herunter. Sie taten es aber nicht wieder, denn sie setzte sich wie ein ungezogenes Kind einfach in den Schnee. Sie fuhren weiter, sie aber blieb sitzen. Nach drei Meilen war nichts mehr zu sehen von ihr, und es blieb den Männern nichts anderes übrig, als den Schlitten abzuladen und sie wieder zu holen. Sie saß noch an derselben Stelle.

Das eigene Elend machte sie zu Egoisten. Jeder dachte nur mehr an sich selbst. Die Theorie Hals, man müsse hart werden, bezog er nur auf die anderen, nicht aber auf sich selbst. Als sie bei seiner Schwester und bei seinem Schwager nichts fruchtete, hämmerte er sie den Hunden mit seinem Stock ein. Am Fünffingergebirge war das Hundefutter zu Ende. Eine alte, zahnlose Indianersquaw bot ihnen einige Pfund gefrorener Pferdehaut gegen den Revolver an Hals Gürtel an. Diese alte Haut, die man vor einem halben Jahr einem verhungerten Pferd abgezogen hatte, war ein armseliger Ersatz für die Fischrationen. Den Hunden blieben die Stücke wie hartes Eisen im Magen liegen, eine unverdauliche, haarige Masse.

In all diesem Elend schritt Buck an der Spitze des Gespanns wie in einem bösen Traum. Wenn er sich stark genug fühlte, dann zog er, wenn er nicht mehr konnte, fiel er hin und blieb liegen, bis ihn Peitschenschläge oder Stockhiebe wieder auf die Füße trieben. Er sah jammervoll aus. Der Glanz und die Schönheit seines Fells waren dahin, und die Haare hingen verfilzt und mit Blut verkrustet von seinem Körper. Man konnte jede Rippe an ihm zählen. Nur sein Herz schlug im alten Takt, es konnte nicht gebrochen werden. Der Mann im roten Sweater hatte es ihm gestählt.

Die anderen sechs Hunde sahen nicht anders aus. Sie waren wandelnde Skelette. Ihr Elend war so groß, daß sie die Schläge, die auf sie niederfielen, nicht mehr spürten. Der Schmerz kam ihnen nur mehr schwach und verschwommen zum Bewußtsein. Alles, was sie sahen und hörten, schien sehr weit weg von ihnen zu sein. Sie waren nur mehr ein Haufen Knochen, in denen ein schwacher Lebensfunke zuckte. Wenn angehalten wurde, dann fielen sie wie tot hin, bis die Hiebe sie auf kurze Zeit wieder auf die Beine brachten.

Eines Tages stand der gutmütige Billie nicht mehr auf. An Stelle des verschacherten Revolvers nahm Hal die Axt und schlug Billie den Schädel ein, dann schnitt er die Leiche aus dem Geschirr und zerrte sie beiseite. Buck und seine Gefährten standen daneben, und sie wußten, daß ihr Ende genauso aussehen würde.

Am nächsten Tag schied Koona aus. Fünf von ihnen waren noch übrig: Joe, zu matt, um noch bösartig zu sein; Pike, verkrüppelt und hinkend, der nicht mehr zu simulieren brauchte; der einäugige Solleks, traurig, daß er nur mehr so wenig Kraft zum Ziehen hatte; Teek, der in diesem Winter noch nicht so oft diese Strecke gefahren war und die meisten Schläge erhielt, weil er noch kräftiger war; und an der Spitze des Gespanns Buck, nur mehr ein Schatten seiner selbst.

Es war Frühling geworden, aber weder Hunde noch Menschen merkten es. Jeden Tag ging die Sonne früher auf und später unter. Es dämmerte um drei Uhr morgens, und das Tageslicht verweilte bis zum späten Abend. An dem blanken, strahlenden Himmel hing eine blanke, strahlende Sonne. Lange genug hatte das tote Schweigen des Winters über dem Land gelegen, nun füllte es sich wieder mit Stimmen, mit Stimmen voll von Lebensfreude und Frische und neuer Lust. Der Todesschlaf unter dem Eis, dem Schnee und der beißenden Kälte war vorbei. Der Saft stieg in den Föhren hoch, und die jungen Knospen barsten aus den Weiden- und Espenzweigen hervor. Büsche und Ranken hatten sich mit Grün überzogen. Nachts sangen die Heimchen, und tagsüber raschelte, kroch, krabbelte, huschte und flatterte es in der alten Moos- und Flechtendecke am Boden. Rebhühner schwirrten auf, und das Klopfen der Spechte erfüllte den Wald. Eichhörnchen schwatzten, und Vögel sangen. Mit knatternden Flügelschlägen teilten die Keile der wilden Gänse die Luft auf ihrem Zug nach Norden.

Versteckt unter der verfilzten Decke des vorjährigen Grases rannen unzählige Frühlingsbäche von jedem Hügel. Das Eis auf den Flüssen barst. Und inmitten dieses gewaltigen, pochenden, pulsierenden, neuerwachenden Lebens, unter einer blendenden Sonne, in der sanften, milden Luft wankten, dem Tode nahe, die zwei Männer, die Frau und die Hunde weiter, bis sie John Thorntons Lager am Weißen Fluß erreichten.

Der Schlitten blieb stehen, und die Hunde fielen wie tot nieder. Mercedes trocknete ihre Tränen und lächelte John Thornton an. Hal fluchte ununterbrochen, Charles ließ sich schweigend auf einem Baumstamm nieder. Ganz langsam und vorsichtig setzte er sich, denn jedes Glied schmerzte ihn.

Hal begann zu reden, John Thornton glättete die letzten Unebenheiten an einem Axtgriff aus Birkenholz und arbeitete ruhig weiter, hörte zu, gab einsilbige und kurze Antworten, erteilte Ratschläge, wenn er darum gefragt wurde, obwohl er genau wußte, daß diese Gesellschaft sie doch nicht befolgen würde.

»Die Leute da oben haben uns gesagt, daß das Eis nicht mehr trägt. Aber, wie Sie sehen, sind wir trotzdem da«, triumphierte Hal, und seine Stimme bekam einen höhnischen Beiklang.

»Nur ein Narr geht jetzt noch aufs Eis«, antwortete Thornton. »Die da oben hatten ganz recht. Nicht um alles Gold von Alaska bringt mich jemand auf diesen Fluß!«

»Wir aber gehen!« rief Hal eigensinnig. »Steh auf, Buck! Auf nach Dawson!« Er schwang wieder seine Peitsche. »Auf, sage ich! He! Go on!«

Aber das Gespann rührte sich nicht. Lange schon reagierten die Hunde nur mehr auf Schläge, und die Peitsche fiel auch sofort erbarmungslos auf ihre Rücken nieder. John Thornton nagte an seiner Unterlippe. Solleks erhob sich als erster. Teek folgte. Joe winselte vor Schmerzen und versuchte mühselig auf die Beine zu kommen. Pike fiel zweimal nieder, bevor er aufstehen konnte.

Nur Buck bemühte sich nicht. Er lag ruhig dort, wo er hingefallen war. Die Peitsche biß sich in seinen Rücken, immer wieder, er winselte nicht, er regte sich nicht. Ein paarmal schien es, als ob Thornton sprechen wollte, er schwieg aber doch, nur seine Augen wurden feucht. Er stand auf und ging unentschlossen hin und her.

Es war das erste Mal, daß Buck versagte, und es versetzte Hal in Raserei. Er vertauschte die Peitsche mit dem Prügel. Aber Buck rührte sich noch immer nicht. So viel hatte er schon erleiden müssen, daß er die Schläge kaum mehr fühlte.

Plötzlich, ohne Warnung, stieß John Thornton einen Schrei aus, der dem Aufschrei eines wilden Tieres glich, und sprang auf den Mann mit dem Prügel los. Hal taumelte und stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden. Mercedes schrie entsetzt auf, Charles aber blieb teilnahmslos. Er rieb seine wäßrigen Augen, er war viel zu müde, um einzugreifen.

John Thornton stand über dem Hund. Er war kreidebleich, und es kostete ihn Mühe, zu sprechen.

»Wenn Sie den Hund noch einmal schlagen, bringe ich Sie um!« stieß er schließlich mit erstickter Stimme hervor.

»Mit meinem Hund kann ich machen, was ich will«, erwiderte Hal. Er wischte sich das Blut vom Mund. »Weg da, oder es passiert etwas. Ich fahre nach Dawson und damit Schluß!«

Thornton stand zwischen ihm und Buck und machte keine Miene, aus dem Weg zu gehen. Hal zog sein langes Jagdmesser, und Mercedes schrie zuerst auf, dann brach sie in hysterisches Lachen aus. Thornton schlug ihm mit dem Axtgriff das Messer aus der Hand. Als Hal es aufheben wollte, holte er sich blutige Knöchel. Thornton beugte sich nieder, hob das Messer selbst auf und durchschnitt Bucks Stränge.

Hal gab seinen Widerstand auf. Seine Schwester, die halb ohnmächtig in seinen Armen lag, machte ihm genug zu schaffen. Buck war mehr tot als lebendig, was sollte er mit einem Hund machen, der zu nichts mehr zu gebrauchen war?

Einige Minuten später zogen sie mit ihrem Schlitten dem Fluß zu. Buck hörte sie fortfahren und hob schwerfällig den Kopf. Pike führte, Solleks zog an der Stange, zwischen ihnen trotteten Joe und Teek. Alle hinkten und taumelten. Mercedes kauerte auf dem hochbeladenen Schlitten, Hal steuerte, und Charles stolperte hinter ihnen her.

Buck sah dem Zug nach. Thornton kniete neben ihm und suchte mit rauhen und gütigen Händen nach gebrochenen Knochen. Aber er konnte nur Wunden und zahllose Schrammen entdecken. Inzwischen kroch der Schlitten langsam über das Eis des Flusses. Plötzlich versank das Ende im Wasser. Hal klammerte sich in Todesangst vergeblich an die Stange. Sie hörten den schrillen Schrei der Frau, sie sahen Charles umkehren, aber das Eis rundherum brach: Menschen, Hunde und Schlitten verschwanden, und nur ein schwarzes Loch blieb zurück.

John Thornton und Buck blickten einander an. »Armer Teufel«, sagte John Thornton leise, und Buck leckte ihm die Hand.