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Die Frau von dreißig Jahren.  Honoré de Balzac
Kapitel 3. 3. Kapitel. Mit dreißig Jahren.
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Ein junger Mann von großen Hoffnungen – ein Sproß eines jener historischen Geschlechter, deren Namen immer, selbst den Gesetzen zum Trotz, eng mit dem Ruhme Frankreichs verknüpft sein werden, befand sich auf dem Ball bei Madame Firmiani. Diese Dame hatte ihm Empfehlungsbriefe an einige ihrer Freundinnen in Neapel mitgegeben. Herr Karl de Vandenesse – so hieß der junge Mann – kam, um sich dafür zu bedanken und Abschied zu nehmen. Nachdem Vandenesse mehrere Missionen mit Talent erfüllt hatte, war er in letzter Zeit einem unserer bevollmächtigten Minister attachiert worden, der auf den Kongreß von Laibach entsendet wurde. Diese Reise wollte er gleich dazu benutzen, Italien kennen zu lernen.

Dieses Fest war also gewissermaßen ein Abschied von den Genüssen der Stadt Paris, vor diesem schnellen Leben, diesem Wirbel von Gedanken und Vergnügungen, den man so oft verwünscht und dem sich hinzugeben doch so süß ist. Karl de Vandenesse war seit drei Jahren gewöhnt, die europäischen Hauptstädte zu betreten und zu verlassen, wie die Launen seines diplomatischen Berufs es mit sich brachten. Wenn er nun Paris verlassen mußte, so brauchte ihm das nicht weiter leid zu tun. Die Frauen machten gar keinen Eindruck mehr auf ihn: vielleicht weil er der Meinung war, eine echte Leidenschaft würde im Leben eines Mannes, der im Staatsdienst stand, zu viel Raum einnehmen; vielleicht erschien ihm auch das läppische Treiben einer oberflächlichen Galanterie zu leer für eine starke Seele. Wir erheben ja alle hohe Ansprüche auf Seelenstärke. In Frankreich ist kein Mensch, sei er auch mittelmäßig, damit einverstanden, bloß für geistreich zu gelten. So hatte auch Karl trotz seiner Jugend – er war kaum dreißig Jahre alt – schon die philosophische Gewohnheit angenommen, Begriffe, Ergebnisse, Absichten ins Auge zu fassen, wo Männer seines Alters nur Gefühle, Freuden, Hirngespinste sehen. Er drängte die Wärme und Überschwenglichkeit, die jungen Leuten natürlich ist, in die Tiefen seiner von Natur edelmütigen Seele zurück. Er strebte danach, einen kalt berechnenden Menschen aus sich zu machen, die moralischen Reichtümer, die der Zufall ihm in die Hände gegeben hatte, zu Manieren, liebenswürdigen Formen, verführerischen Kunstgriffen umzuwandeln: die echte Methode des Ehrgeizigen. Dieses traurige Spiel wird in der Regel nur zu dem Zwecke unternommen, um das zu erlangen, was wir heutzutage »eine schöne Position« nennen.

Er warf einen letzten Blick auf die Säle, wo getanzt wurde. Bevor er den Ball verließ, wollte er ohne Zweifel noch ein Bild davon mit hinwegnehmen, wie ein Zuschauer die Loge in der Oper nicht verläßt, ohne das Schlußbild anzuschauen. Es war ja auch eine leicht verständliche Laune, daß Herr de Vandenesse nun dieses echt französische Treiben, den Prunk und die lachenden Gesichter dieses Pariser Festes betrachtete. Er stellte es im Geist neben die neuen Erscheinungen, die malerischen Szenen, die in Neapel seiner harrten, wo er einige Tage zu verbringen vorhatte, ehe er sich auf seinen Posten begeben wollte.

Er schien das wechselvolle und doch so bald ausstudierte Frankreich mit dem Lande zu vergleichen, dessen Sitten und Gebräuche ihm nur aus widersprechenden Urteilen oder aus zum größten Teil schlecht gemachten Büchern bekannt waren. Einige ziemlich poetische, aber heute recht alltäglich gewordene Betrachtungen gingen ihm da durch den Kopf und entsprachen – vielleicht ohne daß er sich dessen bewußt war – den geheimen Wünschen seines Herzens. Denn das war im Grunde nicht blasiert, sondern stellte noch immer seine Anforderungen – es war nicht abgestumpft, sondern eigentlich nur unbetätigt.

»Das sind,« sagte er zu sich selbst, »die elegantesten, die reichsten Frauen von Paris, mit den höchsten Titeln. Hier sind die Berühmtheiten des Tages, die Größen vom Parlament, aus der Aristokratie und aus der Literatur. Dort Künstler, hier Staatsmänner. Und doch sehe ich nur kleinliche Intrigen, totgeborene Liebschaften, nichtssagendes Lächeln, grundlosen Dünkel, erloschene Blicke, viel Geist, der aber zwecklos verschwendet wird. Alle diese weißen und rosigen Gesichter suchen weniger die Freude als die Zerstreuung. Keine Regung ist wahr. Wer weiter nichts haben will als hübsch angeordneten Putz, frische Spitzen, hübsche Toiletten, überzarte Weiber, wem das Leben nichts weiter ist als eine Fläche, über die er flüchtig hinstreifen will, für den ist das hier die richtige Welt. Dann muß man sich eben mit diesen inhaltslosen Phrasen, mit diesen entzückenden Fratzen begnügen – Gefühl im Herzen darf man nicht verlangen. Ich meines Teils hege einen Abscheu vor diesen platten Intrigen, deren Ende immer eine Heirat, eine Unterpräfektur, eine Generalpächterstelle ist, und wenn sich's um Liebe handelt, so sind heimliche Abmachungen das Ende – so ist jeder Anschein von Leidenschaften verpönt. Unter diesen beredten Gesichtern verrät nicht ein einziges eine Seele, die einen Begriff wie etwa die Reue kennt. Hier verbirgt sich der Kummer oder das Unglück ängstlich unter allerlei Scherzen. Unter diesen Frauen bemerke ich keine, mit der ich gern ringen würde, von der ich mich in einen Abgrund hineinreißen lassen könnte. Wo in Paris ist Energie zu finden? Ein Dolch ist eine Kuriosität, die man an einem vergoldeten Nagel aufhängt, zu der man ein hübsches Futteral machen läßt. Weiber, Gedanken, Gefühle, alles ist sich gleich. Es gibt keine Leidenschaften mehr, weil die Individualitäten verschwunden sind. Rang, Geist und Vermögen sind gleichgemacht worden, und wir haben uns alle in den schwarzen Frack geworfen, um das tote Frankreich zu betrauern. Menschen, die uns gleichen, lieben wir aber nicht. Zwischen zweien, die sich lieben sollen, müssen Verschiedenheiten auszugleichen, Zwischenräume auszufüllen sein. Dieser Reiz der Liebe ist 1789 verschwunden. Unser Überdruß, unsere faden Sitten sind das Ergebnis des politischen Systems. In Italien wenigstens ist das alles anders. Dort sind die Weiber noch bösartige Tiere, gefährliche Sirenen ohne Vernunft, ihre Lüste, ihre Begierden sind ihre einzige Logik. Man muß sich vor ihnen in acht nehmen wie vor Tigern.«

Frau Firmiani unterbrach ihn in diesem Selbstgespräch, dessen tausend widerspruchsvolle, unvollendete, verworrene Gedanken sich nicht wiedergeben lassen. Das Gute an einer Träumerei liegt durchaus in ihrer Unklarheit – ist sie nicht eine Art intellektuellen Nebels?

»Ich will,« sagte sie zu ihm und nahm seinen Arm, »Sie einer Frau vorstellen, die nach allem, was sie von Ihnen gehört hat, Sie unbedingt kennen zu lernen wünscht.«

Sie führte ihn in einen Salon nebenan, wo sie mit einem Wink, einem Lächeln und einem Blick von echt pariserischer Art auf eine in der Kaminecke sitzende Dame zeigte.

»Wer ist das?« fragte Graf de Vandenesse lebhaft.

»Eine Frau, von der Sie sich gewiß schon mehrmals unterhalten haben, um sie zu loben oder zu schmähen – eine Frau, die in Einsamkeit lebt – ein wahrhaft geheimnisvolles Wesen.«

»Wenn Sie jemals in Ihrem Leben barmherzig gewesen sind, so nennen Sie mir den Namen der Dame!«

»Marquise d'Aiglemont.«

»Ich werde Unterricht bei ihr nehmen. Sie hat es verstanden, aus einem recht mittelmäßigen Gatten einen Pair von Frankreich, aus einer Null von Menschen eine politische Kapazität zu machen. Aber sagen Sie mir, glauben Sie, daß Lord Grenville für sie gestorben sei, wie einige Frauen behauptet haben?«

»Vielleicht. Seit diesem Abenteuer, ob es nun falsch oder wahr ist, hat diese arme Frau sich völlig verändert. Sie ist noch nicht wieder in die Welt zurückgekehrt. Eine vierjährige Treue – das will schon was heißen in Paris. Wenn Sie sie hier sehen …«

Frau Firmiani hielt inne, dann setzte sie mit schlauer Miene hinzu: »Ich vergesse, ich muß schweigen. Plaudern Sie mit ihr.«

Karl blieb einen Augenblick regungslos stehen, leicht gegen die Türverkleidung gelehnt. Unverwandt betrachtete er die Frau, die zur Berühmtheit geworden war, ohne daß jemand die Gründe erklären konnte, auf denen ihr Ruf beruhte. Die Welt weist viele solcher seltsamen Anomalien auf. Der Ruhm der Frau d'Aiglemont war sicherlich nicht größer als der gewisser Männer, die immer an einem unbekannten Werke arbeiten: Statistiker, die man für gelehrt hält auf Grund von Berechnungen, die zu veröffentlichen sie sich wohl hüten; Politiker, die von einem Zeitungsartikel leben; Schriftsteller oder Künstler, deren Werk immer in der Mappe bleibt; Gelehrte, die aber nur bei denen dafür gelten, die selbst nichts von Wissenschaft verstehen, wie etwa Sganarelle ein Lateiner ist in den Augen derer, die nicht Lateinisch können; Männer, denen man in einem bestimmten Punkte ein unbestrittenes Talent zuschreibt, sei es in der Verwaltung der Künste, sei es in irgendeiner wichtigen Mission.

Das wunderbare Wort: »Er ist eine Spezialität,« ist, wie es scheint, für diese Arten von politischen oder literarischen Strohköpfen erfunden worden.

Karl verharrte länger, als er eigentlich wollte, in Betrachtungen, und war mit sich selbst unzufrieden, daß er einer Frau so tiefe Aufmerksamkeit widmete. Aber die Gegenwart dieser Frau widerlegte ja auch alle die Gedanken, die der junge Diplomat vor einem Augenblick noch beim Betrachten der Ballgesellschaft gehegt hatte.

Die Marquise, jetzt dreißig Jahre alt, war schön, wenn auch von schwächlichen Formen und übergroßer Zartheit. Ihr größter Reiz lag in einer Physiognomie, deren starre Ruhe eine erstaunliche Tiefe der Seele verriet. Ihr glänzendes Auge, das jedoch von beständigem Sinnen verschleiert zu sein schien, zeugte von einem Leben im Fieber und von der größten Resignation. Ihre fast stets keusch zu Boden gesenkten Lider schlugen sich selten auf. Wenn sie Blicke um sich warf, so gingen die Augen langsam und traurig – und man hätte sagen können, sie sparten ihr Feuer für Beobachtungen im verborgenen auf.

Daher fühlte sich auch jeder Mann höherer Art seltsam zu dieser sanften, schweigsamen Frau hingezogen. Wenn der Geist das Rätsel ihres beständigen Schwankens zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, zwischen der Gesellschaft und ihrer Einsamkeit zu erraten suchte, so war die Seele nicht weniger begierig, die Geheimnisse eines gewissermaßen auf seine Leiden stolzen Herzens zu ergründen. Und dann strafte nichts an ihr den Eindruck, den sie zuerst machte, späterhin Lügen.

Wie fast alle Frauen, die sehr langes Haar haben, war sie blaß, ja vollkommen weiß. Ihre Haut, die von wunderbarer Zartheit war – ein selten trügendes Zeichen – deutete auf echtes Feingefühl. Die Natur will, daß dies sich schon äußerlich kundtue, und zwar fast immer in Zügen von so wunderbarer Vollendung, wie sie die chinesischen Maler ihren phantastischen Figuren verleihen. Ihr Hals war vielleicht ein wenig lang; aber ein Hals von dieser Art ist der anmutigste und gibt den Frauenköpfen eine unbestimmte Ähnlichkeit mit den magnetischen, wellenartigen Bewegungen der Schlangen. Gäbe es nicht ein einziges von den tausend Kennzeichen, durch die sich dem Beobachter die heuchlerischsten Charaktere verraten, so würde es ihm zur Beurteilung einer Frau genügen, die Gebärden ihres Kopfes und die so verschiedenen, so ausdrucksvollen Biegungen des Halses aufmerksam zu verfolgen.

Bei Frau d'Aiglemont war die Kleidung im Einklang mit dem Tiefsinn, der ihre Person beherrschte. Ihre breiten Haarflechten bildeten über dem Kopfe eine hohe Krone, an der keinerlei Schmuck angebracht war; denn sie schien für immer allem Putz und Zierat abgesagt zu haben. Auch entdeckte man an ihr niemals die kleinlichen Kunstgriffe der Koketterie, durch die sich so viele Frauen unliebsam bemerkbar machen. Nur ihr Leibchen, so bescheiden es auch war, ließ doch ein wenig die eleganten Formen ihrer Taille erkennen. Und dann war ihr langes Kleid von außergewöhnlich vornehmem Schnitt. Das war sein einziger Luxus. Wenn man in der Anordnung eines Stoffes Ideen suchen darf, so hätte man sagen können, die zahlreichen, schlichten Falten ihrer Robe verliehen ihr ein Gepräge hohen Adels. Nichtsdestoweniger verriet sie vielleicht die untilgbaren Weiberschwächen in der peinlichen Sorgfalt, die sie ihrer Hand und ihrem Fuß widmete; aber wenn sie sie mit gewissem Vergnügen zeigte, so wäre es doch selbst der boshaftesten Nebenbuhlerin schwer gewesen, diese Bewegungen affektiert zu finden; sie schienen eben ganz unwillkürlich und aus kindlichen Gewohnheiten hervorzugehen.

Eine graziöse Gleichgültigkeit ließ über diesen Rest von Gefallsucht hinwegsehen. Die Menge von einzelnen Zügen, die Gesamtheit von unbedeutenden Umständen, die eine Frau häßlich oder hübsch, abstoßend oder liebenswürdig machen, können bei Frauen, wie Madame d'Aiglemont, nur flüchtig angedeutet sein; denn bei ihnen ist die Seele das Bindeglied aller Einzelheiten, denen sie eine köstliche Einstimmigkeit aufdrückt. So entsprach denn auch ihre Haltung vollkommen dem Charakter ihres Gesichts und ihrer Kleidung. In einem gewissen Alter verstehen es gewisse auserlesene Frauen, in ihre Haltung eine Sprache zu legen. Ist es das Leid, ist es das Glück, das der Frau von dreißig Jahren, der glücklichen oder der unglücklichen, das Geheimnis dieser beredten Haltung offenbart? Das wird immer ein lebendes Rätsel sein, das jeder nach seinen Wünschen und Hoffnungen oder nach seiner Methode auslegt.

Die Art, wie die Marquise beide Ellenbogen auf die Lehnen ihres Sessels stützte und die Fingerspitzen beider Hände aufeinanderstellte, als wolle sie damit spielen, die Biegung ihres Halses, das Gehenlassen ihres müden, doch geschmeidigen Körpers, der wie zerschlagen in dem Fauteuil ruhte, die Lässigkeit ihrer Beine, die Ungezwungenheit ihrer Lage, ihre trägen, schwermütigen Bewegungen – das alles verriet in ihr eine Frau, die kein Interesse mehr am Leben, die die Freuden der Liebe gar nicht kennen gelernt, sondern nur erträumt hat, und die schwer an der Bürde leidvoller Erinnerungen trägt, eine Frau, die seit langem an der Zukunft oder an sich selbst verzweifelt, eine Frau, die nichts zu tun hat und in der Leere schon das Nichts erblickt.

Karl de Vandenesse bewunderte dieses prächtige »Tableau«, doch sah er darin nur eine geschicktere Mache, als gewöhnliche Frauen herausbringen. Er kannte d'Aiglemont. Beim ersten Blick auf seine Frau, die er noch nicht gesehen hatte, durchschaute nun der junge Diplomat Mißverhältnisse, unausweichliche Verschiedenheiten – um diesen legalen Ausdruck zu gebrauchen – die zwischen den beiden Personen eine so starke Scheidewand aufzurichten schienen, daß diese Frau unmöglich diesen Mann lieben konnte. Dennoch führte Frau d'Aiglemont ein untadelhaftes Leben, und gerade ihre Tugend verlieh all den Rätseln, die ein Menschenkenner an ihr entdecken mochte, noch einen höheren Wert. Als Vandenesse die erste Regung des Erstaunens überwunden hatte, sann er nach, wie er sich wohl am besten Frau d'Aiglemont nähern könne, und er beschloß, einen ziemlich alltäglichen Kunstgriff der Diplomatie anzuwenden und sie in Verlegenheit zu bringen, um auf diese Weise zu erfahren, wie sie eine Albernheit aufnehmen würde.

»Gnädige Frau,« sagte er und setzte sich einfach neben sie, »eine Indiskretion, die ich mit Freuden begrüße, hat mir verraten, daß ich – ich weiß nicht, auf welche Vorzüge hin – das Glück genieße, von Ihnen mit Interesse betrachtet zu werden. Ich bin Ihnen um so mehr Dank schuldig, als ich bisher noch nie der Gegenstand einer solchen Gunst gewesen bin. Sie werden daher daran schuld sein, wenn ich mir nun einen neuen Fehler zulege. Ich werde hinfort nicht mehr bescheiden sein.«

»Daran werden Sie unrecht tun, mein Herr,« sagte sie lachend. »Die Eitelkeit muß man denen überlassen, die sonst nichts weiter aufzuweisen haben.«

Zwischen dem jungen Manne und der Marquise entspann sich ein Gespräch, und sie streiften, wie es Brauch ist, in einem Augenblick eine ganze Menge von Gegenständen: Malerei, Musik, Literatur, Politik, Gesellschaft, Ereignisse und Dinge. Dann kamen sie durch einen unmerklichen Übergang auf das ewige Thema der Plaudereien in Frankreich und in andern Ländern, auf die Liebe, auf die Gefühle und die Frauen.

»Wir sind Sklavinnen.«

»Sie sind Königinnen.«

Die mehr oder minder geistreichen Phrasen Karls und der Marquise lassen sich in diesem einfachen Ausdruck zusammenfassen; denn das ist die Form für alle gegenwärtigen und künftigen Gespräche über diesen Gegenstand. Werden diese beiden Phrasen nicht zu einer bestimmten Stunde nicht immer wieder die schärfere Bedeutung haben: »Lieben Sie mich!« – »Ich werde Sie lieben!«

»Gnädige Frau,« rief Karl de Vandenesse, »Sie sorgen noch dafür, daß ich mit lebhaftem Bedauern Paris verlasse. Ich werde gewiß in Italien nicht wieder so geistreiche Stunden genießen können, wie diese eine jetzt gewesen ist.«

»Dafür werden Sie vielleicht dem Glück begegnen, mein Herr, und das ist mehr wert als alle die glänzendsten Gedanken, die an jedem Abend in Paris ausgesprochen werden, mögen sie nun echt oder falsch sein.«

Ehe Karl die Marquise verließ, erhielt er von ihr die Erlaubnis, ihr einen Abschiedsbesuch zu machen. Er schätzte sich sehr glücklich, daß er diese Bitte in der Form der Aufrichtigkeit vorgetragen hatte; denn am Abend, als er sich zu Bett legte, und noch am andern Morgen, ja den ganzen Tag über, wurde er den Gedanken an diese Frau nicht mehr los. Bald fragte er sich, warum die Marquise sich für ihn interessiere; was ihre Absichten sein mochten, daß sie ihn wiederzusehen wünschte; und er war unermüdlich, alle möglichen Erklärungen dafür zu suchen. Bald glaubte er auch, die Beweggründe dieser Neugierde zu erkennen; er berauschte sich an Hoffnung oder sah alles wieder sehr kühl an, je nach der Auslegung, mit der er diesen Höflichkeitswunsch erklärte, der in Paris ja so alltäglich ist. Bald war es alles, bald war es nichts.

Schließlich wollte er dem Verlangen, das ihn zur Frau d'Aiglemont zog, widerstehen; aber er ging dennoch hin. Es gibt Gedanken, denen wir gehorchen, ohne sie selbst zu kennen: sie sind, uns unbewußt, in uns. Obwohl diese Betrachtung mehr paradox als wahr erscheinen mag, wird doch jeder ehrliche Mensch in seinem Leben tausend Beweise dafür finden. Als Karl sich zur Marquise begab, gehorchte er einem solchen Gedanken des Unbewußtseins, und was unser Geist später daraus macht, ist nichts weiter als die vorherbestimmte, im Keim gelegene Entwicklung.

Eine Frau von dreißig Jahren hat unwiderstehliche Reize für einen jungen Mann. Es gibt nichts Natürlicheres, nichts stärker Verschlungenes, nichts besser Vorbereitetes, als die tiefe Liebe zwischen einer Frau wie die Marquise und einem Manne wie Vandenesse – eine Liebe, für die es in der Welt unendlich viele Beispiele gibt. Ein junges Mädchen hat zu viele Illusionen, ist zu unerfahren, der Geschlechtstrieb ist noch zu sehr mit ihrer Liebe verwoben, als daß ein junger Mann sich geschmeichelt fühlen könnte, von ihr geliebt zu sein; während eine Frau die ganze Tragweite der Opfer kennt, die darzubringen sind. Da, wo die eine sich von der Neugierde, von einer Lockung, die mit Liebe nichts gemein hat, hinreißen läßt, gehorcht die andere einem Gefühl, über das sie sich vollkommen klar ist. Ist eine solche Wahl nicht etwas höchst Schmeichelhaftes? Die erfahrene Frau, die mit einem fast immer mit Leid und Unglück teuer bezahlten Wissen gewappnet ist, scheint mehr zu geben als sich selbst; während das junge unwissende und leichtgläubige Mädchen nichts weiß und daher auch keinen Vergleich anstellen, Wert und Unwert nicht abschätzen kann; es nimmt die Liebe hin und widmet sich erst ihrem Studium. Die eine belehrt uns, gibt uns Ratschläge und hat das Alter, wo man sich gern leiten läßt, wo Gehorchen ein Vergnügen ist; die andere will erst alles lernen und zeigt sich naiv, wo jene zärtlich ist. Diese gewährt dir nur einen einzigen Triumph, jene aber nötigt dich zu beständigem Kampf. Die erstere hat nur Tränen und Freuden; die letztere hat die Wollust und die Reue. Wenn ein junges Mädchen sich zur Mätresse hergeben soll, muß sie schon verdorben sein, und dann verläßt man sie mit Abscheu. Eine Frau dagegen hat tausend Mittel, zugleich ihre Macht und ihre Würde zu bewahren. Die eine unterwirft sich uns zu sehr, und man kann sich ihr in öder Sorglosigkeit hingeben; die andere aber setzt zu viel aufs Spiel und fordert daher tausend Metamorphosen der Liebe. Die eine entehrt nur sich allein, die andere tötet um deinetwillen eine ganze Familie. Das junge Mädchen besitzt nur eine einzige Koketterie und glaubt alles gesagt zu haben, wenn sie ihr Kleid hat fallen lassen; aber die Koketterien einer Frau sind unzählig, und sie verbirgt sich unter tausend Schleiern; schließlich schmeichelt sie allen Eitelkeiten, und die Unerfahrene schmeichelt nur einer.

Ferner werden bei einer Frau von dreißig Jahren Unentschlossenheit, Entsetzen, Befürchtungen, Sorgen und Stürme entfesselt, die es in der Liebe eines jungen Mädchens niemals gibt. Wenn eine Frau in diesem Alter steht, verlangt sie von einem jungen Manne, daß er ihr die Achtung wiederherstelle, die sie ihm geopfert hat; sie lebt nur für ihn, beschäftigt sich mit seiner Zukunft, will ihm ein schönes, ein glänzendes Leben bereiten; sie gehorcht, sie bittet und gebietet, läßt sich herab und erhebt sich und weiß bei tausend Gelegenheiten Trost zu schaffen, wo das junge Mädchen nichts kann als seufzen.

Schließlich kann außer allen Vorteilen ihrer Stellung die Frau von dreißig Jahren sich auch noch zum jungen Mädchen machen, alle Rollen spielen, schamhaft sein und sogar durch ein Unglück an Schönheit gewinnen. Zwischen beiden besteht der unermeßliche Unterschied, der zwischen dem Vorhergesehenen und dem Unvorhergesehenen besteht, zwischen der Kraft und der Schwäche. Die Frau von dreißig Jahren befriedigt alles, und das junge Mädchen muß – sonst hört sie zu ihrer Strafe auf, ein junges Mädchen zu sein – immer unbefriedigt bleiben.

Diese Gedanken entwickeln sich im Herzen eines jungen Mannes und bilden in ihm die stärkste Leidenschaft aus; denn sie vereint die durch die Sitten künstlich geschaffenen Gefühle mit den echten Gefühlen der Natur.

Der größte und entschiedenste Schritt im Leben der Frauen ist gerade derjenige, den die Frau immer als den unbedeutendsten ansieht. Ist sie verheiratet, so gehört sie nicht mehr sich selbst, sie ist die Königin, aber auch die Sklavin des häuslichen Herdes. Die weibliche Keuschheit ist unvereinbar mit den Pflichten und Freiheiten der Welt. Die Frauen emanzipieren heißt sie verderben. Wenn man einem Fremden das Recht gewährt, in das Allerheilige des Haushalts einzutreten, gibt man sich ihm damit nicht auf Gnade und Ungnade preis? Wenn eine Frau ihn dort einführt, ist dies nicht schon ein Fehltritt oder, genau genommen, der Anfang eines Fehltritts? Man muß wohl diese Theorie in all ihrer Strenge gelten lassen oder die Leidenschaften für straflos erklären.

Bis auf den heutigen Tag hat die Gesellschaft in Frankreich einen Mittelweg einzuschlagen verstanden: sie spottet, wenn daraus Unglück entsteht. Wie die Spartaner, die nur die Ungeschicklichkeit bestraften, scheint sie den Diebstahl zuzulassen. Aber vielleicht ist dieses System sehr klug. Die allgemeine Verachtung bildet die schrecklichste aller Züchtigungen, weil sie nämlich die Frau ins Herz trifft. Die Frauen sehen darauf und müssen auch alle darauf halten, geachtet zu sein; mit der Achtung ist ihr Leben dahin. Daher ist Achtung auch das erste, was sie in der Liebe verlangen. Selbst die Verderbteste unter ihnen bedingt sich vor allem Absolution für die Vergangenheit aus, ehe sie ihre Zukunft verkauft, und versucht ihrem Geliebten begreiflich zu machen, daß sie für unwiderstehliche Seligkeiten die Ehren daran setze, die die Welt ihr verweigern wird.

Es gibt keine Frau, die nicht, wenn sie zum erstenmal einen jungen Mann bei sich empfängt und mit ihm allein ist, einige solche Betrachtungen anstellte, vor allem, wenn dieser Mann, wie Karl de Vandenesse, hübsch oder geistreich ist. Desgleichen werden die meisten jungen Männer einige geheime Wünsche auf einen der tausend Gedanken gründen, die die ihnen angeborene Liebe zu schönen, geistreichen und unglücklichen Frauen, wie Frau d'Aiglemont war, entschuldbar erscheinen läßt.

Als daher Frau Marquise Herrn de Vandenesse melden hörte, war sie bestürzt; und er war fast befangen, trotz des sichern Auftretens, das bei den Diplomaten gewissermaßen mit zum ganzen Menschen gehört. Aber die Marquise nahm bald das leutselige, freundliche Wesen an, hinter dem die Frauen gegen die Auslegung der Eitelkeit Schutz suchen. Dieses Benehmen schließt jeden Hintergedanken aus und läßt sozusagen die Innigkeit zu, indem es sie aber durch die Formen der Höflichkeit auf den richtigen Grad bringt. Die Frauen halten sich dann, solange sie wollen, in dieser zweideutigen Lage, wie auf einem Kreuzweg, der gleichzeitig zur Achtung, zur Gleichgültigkeit, zur Befremdung oder zur Leidenschaft führt. Nur mit dreißig Jahren kann eine Frau die mancherlei Auswege in einer solchen Lage erkennen. Sie weiß da zu lachen, zu scherzen, ja zärtlich zu werden, ohne sich etwas zu vergeben. Sie besitzt dann den nötigen Takt, um bei einem Manne alle Saiten des Gefühls anzuschlagen und die Töne zu prüfen, die sie hervorruft. Ihr Schweigen ist ebenso gefährlich wie ihre Rede. Man kann bei einer Frau in diesem Alter nie erraten, ob sie aufrichtig oder falsch ist, ob sie sich lustig macht oder ob sie es mit ihren Bekenntnissen ehrlich meint. Nachdem sie dir das Recht eingeräumt hat, mit ihr zu kämpfen, macht sie plötzlich durch ein Wort, durch einen Blick, durch eine jener Gebärden, deren Macht sie kennt, dem Kampf ein Ende, läßt dich sitzen und nimmt dein Geheimnis mit sich fort. Sie hat es nun in der Hand, dich mit einem bloßen Scherzwort zu opfern oder sich deiner ganz zu bemächtigen, sich weiter mit dir zu befassen, in gleicher Weise beschützt durch ihre eigene Schwäche und durch deine Kraft.

Obwohl die Marquise sich während des ersten Besuches auf diesen neutralen Boden stellte, wußte sie dennoch ihre Frauenwürde in hohem Grade zu bewahren. Ihre geheimen Schmerzen lagerten stets wie eine leichte Wolke, die zum Teil die Sonne verhüllt, auf ihrer erkünstelten Fröhlichkeit. Vandenesse ging, nachdem er in diesem Gespräch ungekannte Genüsse gekostet hatte; aber er blieb überzeugt, die Marquise sei eine von den Frauen, die zu erobern so große Opfer koste, daß man sich nicht unterfangen könne, sie zu lieben.

»Es würde,« sagte er im Gehen zu sich selbst, »eine Liebe sein, deren Ende nicht abzusehen ist – ein Verkehr, der selbst einen ehrgeizigen Diplomaten ermüden muß. Jedoch, wenn ich wollte …«

Dieses fatale »Wenn ich wollte!« ist beständig das Verhängnis der eigensinnigen Menschen. In Frankreich führt die Eigenliebe zur Leidenschaft.

Karl kehrte zu Frau d'Aiglemont zurück und glaubte wahrzunehmen, daß sie an seiner Unterhaltung Gefallen fände. Statt sich mit Naivität dem Glück der Liebe zu überlassen, wollte er nun eine doppelte Rolle spielen. Er versuchte verliebt zu erscheinen und dabei kalt den Fortgang dieses Verhältnisses zu studieren, zugleich Liebender und Diplomat zu sein. Allein er war edelsinnig und jung; dieses Studium mußte ihn zu einer grenzenlosen Liebe führen; denn ob sie Verstellung übte oder sich natürlich gab, die Marquise war immer stärker als er. So oft er von Frau d'Aiglemont fortging, beharrte er bei seinem Mißtrauen und unterwarf die Situationen, durch die schrittweise seine Seele hindurch müsse, einer strengen Analyse, die seine eigentlichen Empfindungen tötete.

»Heute,« sagte er sich bei dem dritten Besuch, »hat sie mir zu verstehen gegeben, sie sei sehr unglücklich und stände ganz allein da, sie würde sich sehnlichst den Tod wünschen, wenn ihre Tochter nicht wäre. Sie hat sich in eine vollendete Resignation gehüllt. Doch ich bin weder ihr Bruder, noch ihr Beichtvater, warum hat sie mir ihren Kummer anvertraut? Sie liebt mich.«

Zwei Tage später, als er wieder ihr Haus verließ, stellte er eine Betrachtung über die modernen Sitten an.

»Die Liebe nimmt immer die Färbung des betreffenden Jahrhunderts an. Im Jahre 1822 ist sie daher doktrinär. Statt sie, wie einstmals, an Tatsachen nachzuweisen, bespricht man sie gelehrt, disputiert über sie, macht sie zu einer Dissertation. Die Frauen sind jetzt auf dreierlei Mittel verfallen. Erst stellen sie unsere Liebe in Zweifel und sprechen uns die Fähigkeit ab, ebensosehr zu lieben wie sie. Koketterie! tatsächlich herausgefordert hat die Marquise mich heute abend. Dann stellen sie sich tiefunglücklich, um unsern natürlichen Edelsinn oder unsere Eigenliebe wachzurufen. Schmeichelt es einem Manne nicht, als Tröster in einem großen Unglück aufzutreten? Endlich haben sie noch die Manie der Jungfräulichkeit. Und sie hat wirklich glauben müssen, ich hielte sie für uneingeweiht. Mein guter Glaube in diesem Punkte kann eine ausgezeichnete Spekulation werden.«

Aber eines Tages war Karl am Ende mit seinen mißtrauischen Gedanken und fragte sich, ob die Marquise nicht doch aufrichtig sei, ob so viel Leid gespielt sein könne, und warum sie Resignation heucheln solle? Sie lebte in tiefer Einsamkeit und verzehrte sich in schweigendem Kummer, den sie kaum einmal durch den mehr oder minder gepreßten Ton eines Ausrufs verriet.

Von diesem Augenblick an hegte Karl ein lebhaftes Interesse für Frau d'Aiglemont. Aber als er zu der gewohnten Zusammenkunft ging, die ihnen beiden nun zur Notwendigkeit geworden war und für die sie infolge eines wechselseitigen Instinkts eine Stunde frei hielten, fand Vandenesse seine Geliebte noch immer mehr gewandt als wahr, und sein letztes Wort war: »Entschieden ist dieses Weib raffiniert.«

Er trat ein, fand die Marquise in ihrer Lieblingshaltung – einer Haltung voll Melancholie; sie schlug die Augen zu ihm auf, ohne sich zu bewegen, und warf ihm einen jener vollen Blicke zu, die einem Lächeln gleichen. Frau d'Aiglemont ließ Vertrauen, ja wahre Freundschaft erkennen – doch nichts von Liebe. Karl setzte sich und konnte nichts sagen. Er war ergriffen von einer jener Aufregungen, für die es keine Sprache gibt.

»Was haben Sie?« fragte sie ihn in zärtlichem Tone.

»Nichts … doch,« sagte er, »ich denke an etwas, womit Sie sich noch gar nicht beschäftigt haben.«

»Das wäre?«

»Aber der Kongreß ist ja beendet.«

»Ah,« antwortete sie, »Sie sollten also zum Kongreß gehen.«

Eine direkte Antwort wäre das beredteste, zarteste Geständnis gewesen; doch Karl gab sie nicht. Das Gesicht der Frau d'Aiglemont verriet eine so aufrichtige Freundschaft, daß daran alle Berechnungen der Eitelkeit, alle Hoffnungen der Liebe, aller Argwohn der Diplomatie scheiterten. Sie ahnte nicht oder schien es doch durchaus nicht zu ahnen, daß sie geliebt sei; und als Karl, ganz verwirrt, sich in Schweigen hüllte, mußte er sich gestehen, nichts gesagt und nichts getan zu haben, was sie zu diesem Glauben berechtigt hätte.

Herr de Vandenesse fand an diesem ganzen Abend die Marquise nur so, wie sie stets gewesen war, einfach und freundlich, aufrichtig in ihrem Schmerz, glücklich, einen Freund zu haben, stolz, einer Seele zu begegnen, die die ihrige verstände; darüber ging sie nicht hinaus und schien es für unmöglich zu halten, daß eine Frau sich zweimal verlieben könne; aber sie hatte die Liebe kennen gelernt und bewahrte sie noch blutend in der Tiefe ihres Herzens; sie glaubte nicht daran, daß das Glück zweimal einer Frau seinen berauschenden Trank kredenzen könne; denn sie glaubte nicht allein an den Geist, sondern an die Seele; und für sie war die Liebe an sich kein Mittel zur Verführung, gestattete aber die Entfaltung aller edlen Verführungskünste.

In diesem Augenblick wurde Karl de Vandenesse wieder junger Mann, der Glanz eines so erhabenen Charakters zwang ihn ins Joch, und er wollte in alle Geheimnisse dieses mehr durch den Zufall als durch einen Fehltritt vernichteten Lebens eingeweiht sein. Frau d'Aiglemont warf ihrem Freunde nur einen Blick zu, als sie ihn um Aufklärung über das Übermaß von Leid bitten hörte, das ihrer Schönheit alle Harmonien der Traurigkeit verleihe; aber dieser tiefe Blick war wie das Siegel zu einem feierlichen Vertrag.

»Stellen Sie mir keine ähnlichen Fragen mehr,« sagte sie. »Vier Jahre ist's her, da starb an einem ähnlichen Tage der, der mich liebte, der einzige Mann, für dessen Glück ich alles, ja die Achtung vor mir selbst geopfert hätte – er starb, um mir die Ehre zu retten. Diese Liebe endete jung, rein und in der Fülle ihrer Illusionen. Ehe ich mich einer Leidenschaft hingab, zu der ein beispielloses Verhängnis mich trieb, ließ ich mich verführen durch das, was so viele junge Mädchen zugrunde richtet, durch einen Mann, der eine Null ist, aber ein liebenswürdiges Auftreten hat. Die Ehe entblätterte meine Hoffnungen eine nach der andern. Heute habe ich das legitime Glück und auch das Glück, das man das strafbare nennt, verloren, und das Glück an sich überhaupt nicht kennen gelernt. Es bleibt nichts mehr für mich übrig. Wenn ich nicht zu sterben verstanden habe, so muß ich zum mindesten meinen Erinnerungen treu bleiben.«

Bei diesen Worten weinte sie nicht, sie schlug die Augen nieder und verrenkte kaum merklich die Finger, die sie in ihrer gewohnten Gebärde aufeinandergesetzt hatte. Dies wurde schlicht hingesprochen, aber der Klang ihrer Stimme war der Klang einer Verzweiflung, die ebenso tief war, wie ihre Liebe zu sein schien, und raubte Karl alle Hoffnung. Dieses furchtbare Dasein, in drei Sätzen beschrieben, und durch das Ringen einer Hand erläutert, dieser starke Schmerz in einer schwachen Frau, dieser Abgrund in einem hübschen Kopfe, endlich die Schwermut und die Tränen einer vierjährigen Trauer bezauberten Vandenesse, der schweigend und klein vor dieser großen, edlen Frau stand. Er sah nicht mehr die so erlesenen, vollendeten, materiellen Schönheiten, sondern nur die so überaus feinfühlende Seele. Endlich begegnete er hier dem idealen Wesen, das der phantastische Traum, die gewaltige Sehnsucht aller derer ist, die ihr Leben in eine einzige Leidenschaft setzen, sie mit Inbrunst suchen und oft sterben, ohne alle diese erträumten Schätze genossen zu haben.

Gegenüber solcher Sprache und solcher erhabenen Schönheit fand Karl seine Ideen eng und beschränkt. In seinem Unvermögen, seine Worte der Hoheit dieser zugleich so einfachen und so erhabenen Szene anzupassen, antwortete er mit Gemeinplätzen über das Schicksal der Frauen.

»Gnädige, man muß seine Schmerzen zu vergessen wissen oder sich ein Grab graben.«

Aber vor dem Gefühl steht die trockene Vernunft immer kläglich da, die eine ist natürlich begrenzt, wie alles Positive, und das andere ist unbegrenzt. Die Vernunft walten zu lassen, wo Gefühl hingehört, ist die Eigentümlichkeit der Seelen ohne Schwung. Vandenesse schwieg daher, betrachtete lange Frau d'Aiglemont und ging dann. Eine Beute neuer Ideen, die ihm diese Frau immer größer erscheinen ließen, glich er einem Maler, der etwa die gewöhnlichen Modelle seines Ateliers zum Typus genommen hat und nun plötzlich die Mnemosyne des Museums erblickt, die schönste und am wenigsten geschätzte Statue des Altertums.

Karl war aufs tiefste bezaubert. Er liebte Frau d'Aiglemont mit der Ehrlichkeit der Liebe, mit der Inbrunst, die der ersten Leidenschaft eine unsagbare Anmut, eine Lauterkeit verleiht, von der der Mann, wenn er später noch einmal liebt, immer nur Bruchstücke wiederfindet: wonnevolle Leidenschaften, von den Frauen, die sie hervorgerufen haben, fast immer mit Wonne genossen, weil sie in dem schönen Alter von dreißig Jahren, dem Höhepunkt der Poesie des Frauenlebens, den Verlauf solcher Leidenschaften voll überschauen können, und ihr Blick in die Zukunft ebenso sicher ist wie der in die Vergangenheit. Die Frauen kennen dann den ganzen Wert der Liebe und erfreuen sich ihrer in der ständigen Furcht, sie zu verlieren: Ihre Seele hat dann noch all das Jugendschöne, das sie zu verlieren beginnen, und ihre Leidenschaft holt sich immer neue Kraft an der Betrachtung einer Zukunft, vor der ihnen graut.

»Ich liebe,« sagte de Vandenesse diesmal, als er die Marquise verließ, »und nun finde ich zu meinem Unglück eine Frau, die an Erinnerungen hängt. Es hält schwer, gegen einen Toten anzukämpfen, der nicht mehr da ist, der keine Dummheiten machen kann, der nie Mißfallen erregt und an dem man nur die guten Eigenschaften sieht. Soll man versuchen, den in der Erinnerung fortlebenden Zauber und die Hoffnungen zu vernichten, die einen verlorenen Geliebten überdauert haben, gerade weil er nur Wünsche erweckt hat? Ebensogut könnte man versuchen, die Vollkommenheit selbst von ihrem Throne zu stoßen. Denn sind nicht die Wünsche allein das Schönste, das Verführerischste an der ganzen Liebe?«

Diese traurige Betrachtung entsprang der Mutlosigkeit, der Furcht, keine Erfolge zu haben – ein Gefühl, mit dem alle wahren Leidenschaften beginnen. Sie war die letzte Berechnung seiner Diplomatie, die hiermit auf diesem Gebiete ihren Geist aufgab. Von nun ab hatte er keine Hintergedanken mehr, er wurde zum Spielball seiner Liebe und verlor sich im Nichts jenes unerklärlichen Glücks, das an einem Wort, einem Schweigen, einer unklaren Hoffnung Genüge findet.

Er wollte platonisch lieben, kam alle Tage, mit Frau d'Aiglemont die gleiche Luft zu atmen, nistete sich fast in ihrem Hause ein und begleitete sie überall hin, mit der Tyrannei einer Leidenschaft, die der blindesten Ergebenheit den Egoismus beimischt. Die Liebe hat ihren Instinkt, sie weiß den Weg zum Herzen zu finden, wie das schwächste Insekt auf seine Blume zugeht, mit einem unwiderstehlichen Willen, der vor nichts zurückschreckt. Wenn ein Gefühl wahr ist, so ist daher auch sein Schicksal nicht zweifelhaft. Muß nicht eine Frau in größte Angst versetzt werden, wenn sich der Gedanke bei ihr einstellt, daß ihr Leben davon abhängt, ob ihr Geliebter mehr oder weniger Wahrheit, Kraft und Ausdauer in seiner Liebe beweisen wird?

Einer Frau, einer Gattin und Mutter ist es nun unmöglich, sich gegen die Liebe eines jungen Mannes zu schützen; das einzige Mittel, das in ihrer Macht steht, ist, ihn von dem Augenblick an, wo sie dieses Geheimnis des Herzens errät – und das errät eine Frau immer – nicht mehr zu empfangen. Allein dieser Entschluß scheint zu entscheidend zu sein, als daß eine Frau ihn noch in einem Alter fassen könnte, wo die Ehe sie bedrückt, langweilt oder gleichgültig macht, wo die eheliche Liebe nur noch lau ist und der Mann ihr am Ende gar schon untreu geworden ist. Sind die Frauen häßlich, so schmeichelt ihnen eine Leidenschaft, die sie auf eine Stufe mit den schönen stellt; sind sie jung und reizend, so muß die Verführung auf sie im selben Grade wirken, wie sie selbst verführerisch sind, nämlich sehr stark; sind sie tugendhaft, so ist das Gefühl ja doch himmlisch, obzwar von dieser Welt, und das läßt sie gerade in der Größe der Opfer, die sie ihrem Geliebten bringen, und in dem Ruhm eines so schweren Kampfes allein schon eine gewisse Absolution erblicken. Alles ist ein Fallstrick. Daher ist auch keine Lehre stark genug, gegen diese starke Verführung etwas zu vermögen. Die Abschließung, die ehemals in Griechenland und im Orient für die Frau Gesetz war und die in England jetzt Mode wird, ist der einzige Schutz für die häßliche Moral; aber unter der Herrschaft dieses Systems gehen alle Annehmlichkeiten der Welt zugrunde. Die Geselligkeit, die Feinheit und Vornehmheit der Sitten sind nicht mehr möglich. Die Nationen werden ihre Wahl zu treffen haben.

So fand denn einige Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen mit Vandenesse Frau d'Aiglemont ihr Leben eng mit dem des jungen Mannes verschlungen; sie wunderte sich darüber, ohne sonderlich betroffen zu sein, ja sie fand fast ein gewisses Vergnügen daran, seine Geschmäcker und Gedanken zu teilen. Hatte sie die Denkweise de Vandenesses angenommen, oder hatte Vandenesse sich ihre kleinsten Launen angeeignet? Sie stellte keine Untersuchung an. Schon von dem Strom seiner Leidenschaft mit fortgerissen, sagte sich diese bewundernswerte Frau in der trügerischen Zuversicht der Furcht:

»O nein! Ich werde dem die Treue bewahren, der für mich gestorben ist.«

Pascal hat gesagt: »An Gott zweifeln, heißt schon an ihn glauben.« Ebenso sträubt sich eine Frau gar nicht – oder sie ist eben schon verliebt. An dem Tage, wo die Marquise sich eingestand, sie werde geliebt, war es mit ihr auch schon soweit, daß sie zwischen tausend widersprechenden Gefühlen hin und her trieb. Der Aberglaube der Erfahrung redete seine Sprache. Würde sie glücklich sein? Könnte sie das Glück finden außerhalb der Gesetze, die die Gesellschaft, ob zu Recht oder zu Unrecht, als ihre Moral aufgestellt hat? Bisher hatte das Leben nur Bitterkeit über sie ausgeschüttet. Konnte es denn zwischen zwei Wesen, die durch die gesellschaftlichen Anstandsregeln voneinander getrennt waren, innerhalb der Grenzen, in denen ihr Verhältnis bleiben müßte, zu einem Glücke kommen? Doch wiederum, wird das Glück jemals zu teuer bezahlt? Und dann ist das Glück, das so heiß ersehnt wird, das zu suchen so natürlich ist, vielleicht hier endlich einmal gefunden?

Ein seltsames Zusammentreffen findet sich immer ein, die Sache der Liebenden zu fördern. Während sie diese geheimen Betrachtungen anstellte, kam Vandenesse. Seine Gegenwart verscheuchte das metaphysische Phantom der Vernünftelei. Solcher Art sind die Wandlungen, die bei einem jungen Manne und einer jungen Frau von dreißig Jahren selbst eine rasche, stürmische Liebe durchmachen muß, aber es kommt immer zu einem Augenblick, wo die Wolken verschwinden, wo die Vernunftgründe zu einem einzigen, letzten Gedanken zusammenschrumpfen, der sich mit einer Begierde vermischt und ihr Nachdruck verleiht.

Je länger der Widerstand gewesen ist, um so mächtiger ist dann die Stimme der Liebe. Hier also endet diese Betrachtung oder vielmehr – wenn es erlaubt ist, der Malkunst einen ihrer pittoresken Ausdrücke zu entlehnen – diese »am bloßgelegten Muskel« gemachte Studie. (Denn diese Geschichte legt mehr die Gefahren und den Mechanismus der Liebe auseinander, als daß sie sie darstellt.) Aber von diesem Augenblick an verlieh jeder Tag diesem Skelett neue Farben, bekleidete es mit der Anmut der Jugend, gab daran dem Fleisch und den Bewegungen Leben und flößte ihm den Glanz, die Schönheit des Empfindens und die Reize des Lebens ein.

Karl fand Frau d'Aiglemont nachdenklich, und fragte sie in bebendem Tone, dem die süße Magie des Herzens besondere Eindringlichkeit verlieh: »Was ist Ihnen denn?« – Doch sie hütete sich, zu antworten. Diese köstliche Frage verriet eine vollkommene Übereinstimmung der Seelen; und in dem wunderbaren Instinkt des Weibes begriff die Marquise, daß sie in gewissem Sinne ein Entgegenkommen zeigen würde, wenn sie jetzt Klagen anstimmte oder ihrem Unglück Ausdruck verlieh. Und wenn schon jedes dieser Worte eine von allen beiden verstandene Bedeutung hatte, stand sie da nicht schon mit einem Fuß im Abgrund? Sie las mit scharfem, klarem Blick in ihrem Innern und schwieg, Vandenesse folgte ihrem Beispiel und schwieg auch.

»Ich bin leidend,« sagte sie endlich, voll Schrecken über die hohe Bedeutung eines Augenblicks, wo die Sprache der Augen vollständig die Rede ersetzte, zu der beide nicht fähig waren.

»Gnädige Frau,« antwortete Karl in liebenswürdigem Tone, dem man aber trotzdem seine heftige Erregung anhörte, »Seele und Leib, alles hängt zusammen. Wenn Sie glücklich wären, würden sie jung und frisch sein. Warum weigern Sie sich, von der Liebe alles das zurückzuverlangen, dessen die Liebe Sie beraubt hat? Sie glauben, das Leben sei mit dem Augenblick zu Ende, wo es, für Sie, erst anfängt. Vertrauen Sie sich der Pflege eines Freundes an. Es ist so süß, geliebt zu sein.«

»Ich bin schon alt,« sagte sie, »nichts würde mich also entschuldigen, wollte ich aufhören zu leiden, wie bisher. Übrigens, lieben müsse man, sagen Sie? Nun wohl, das darf ich nicht und kann ich auch nicht. Außer Ihnen, dessen Freundschaft ein wenig Freude in mein Dasein bringt, gefällt mir kein Mensch, wäre kein Mensch imstande, meine Erinnerungen auszulöschen. Einen Freund nehme ich an, einen Verehrer würde ich fliehen. Und wäre es auch edel von mir, ein welkes Herz gegen ein junges einzutauschen, Illusionen anzunehmen, die ich nicht mehr teilen kann, ein Glück entstehen zu lassen, an das ich nicht glauben oder um dessen Verlust ich beständig zittern würde? Ich würde auf Ergebenheit vielleicht mit Egoismus antworten, ich würde berechnen, wo der andere fühlt; meine Erinnerungen würden beständig der Lebendigkeit seiner Freude im Wege sein. Nein, sehen Sie, für eine erste Liebe gibt es niemals Ersatz. Und schließlich, welcher Mann würde zu solchem Preise mein Herz haben wollen?«