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Die Frau von dreißig Jahren.  Honoré de Balzac
Kapitel 5. 5. Kapitel. Die beiden Begegnungen.
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Ein ehemaliger Ordonnanzoffizier Napoleons, den wir nur den General oder den Marquis nennen werden, und der unter der Restauration zu großem Vermögen gekommen war, war nach Versailles gezogen, um dort die schönen Tage zu verleben. Er bewohnte ein Landhaus, das zwischen der Kirche und der Barrière de Montreuil lag, an dem Wege, der nach der Allee von Saint-Cloud führt. Sein Dienst bei Hofe gestattete ihm nicht, sich von Paris zu entfernen.

Einst zu dem Zwecke erbaut, den flatterhaften Liebschaften irgendeines Grandseigneur zum Asyl zu dienen, war dieser Pavillon ein sehr weitläufiges Gebäude. Da er mitten im Garten errichtet worden war, lag er nach rechts und nach links gleich weit ab von den ersten Häusern von Montreuil und den Hütten der Umgebung der Barrière. Ohne völlig abgesondert zu sein, hatten auf diese Weise die Herren des Besitzes in unmittelbarer Nähe einer Stadt alle Vorzüge der Einsamkeit genossen.

Eigentümlicherweise lagen die Fassade und die Eingangstür des Hauses unmittelbar nach dem Wege zu, der ehemals vielleicht wenig begangen gewesen war. Diese Vermutung erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß er an den köstlichen Pavillon grenzte, den Ludwig XV. für Fräulein de Romans erbauen ließ. Ehe man dorthin kommt, trifft man denn auch hie und da mehrere Kasinos, deren Inneres und Ausschmückung auf die geistvollen Ausschweifungen unserer Vorfahren hindeuten, die doch immerhin den Schatten und die Verborgenheit aufsuchten, um sich der Zügellosigkeit hinzugeben, deren man sie beschuldigt.

An einem Winterabend befanden sich der Marquis, seine Frau und seine Kinder allein in diesem verlassenen Hause. Ihre Leute hatten die Erlaubnis erhalten, in Versailles die Hochzeit eines unter ihnen zu feiern; und in der Annahme, die Weihnachtsfeier, die sich an die Hochzeit anschloß, wäre eine triftige Entschuldigung, die die Herrschaft wohl gelten lassen würde, trugen sie kein Bedenken, die Festlichkeit länger auszudehnen, als die Hausordnung ihnen eigentlich erlaubte.

Da jedoch der General als ein Mann bekannt war, der bisher noch immer mit unbeugsamer Rechtschaffenheit sein Wort gehalten hatte, so tanzten die ungehorsamen Diener nur noch mit Beklommenheit, als die ihnen zugebilligte Frist abgelaufen war. Es hatte elf Uhr geschlagen, und noch war niemand von den Leuten zurückgekehrt. Das Schweigen, das rings auf dem Lande herrschte, war so tief, daß man von Zeit zu Zeit den Wind durch die schwarzen Zweige der Bäume pfeifen hörte – dann wieder heulte er ums Haus oder verfing sich in den langen Korridoren.

Der Frost hatte die Luft so rein gemacht, den Boden und das Pflaster so gehärtet, daß von allem jene trockenen, hellen Töne hallten, deren Klarheit uns stets verwundert. Der dumpfe Schritt eines verspäteten Zechers oder der Lärm einer nach Paris zurückkehrenden Droschke hallten lauter und blieben auf größere Entfernung hörbar als sonst. Die toten Blätter, die plötzliche Wirbelwinde zum Tanze trieben, raschelten über die Steine des Hofes hin, so daß sie der Nacht eine Stimme verliehen, als sie stumm werden wollte.

Kurz, es war einer jener scharfen Abende, die unserer Ichsucht ein unfruchtbares Mitleid mit den Armen oder dem Reisenden abnötigen und uns den Kamin zu dem wollüstigsten Eckchen machen.

In diesem Augenblick bekümmerte sich die im Salon beisammensitzende Familie weder um die Abwesenheit der Diener, noch um die Leute ohne Herd, noch um die Poesie einer funkelnden Winternacht. Ohne zwecklos zu philosophieren, vertrauten Frau und Kinder dem Schutze eines alten Soldaten und gaben sich ganz den Freuden hin, die das häusliche Leben mit sich bringt, wenn man sich in seinen Gefühlen keinen Zwang anzutun braucht, wenn Liebe und Offenherzigkeit Worte, Blicke und Spiele beleben.

Der General saß, oder besser gesagt, versank in einem hohen, geräumigen Lehnstuhl, der in der Kaminecke stand. Im Ofen leuchtete ein wohlgenährtes Feuer und strömte die starke Wärme aus, die stets ein sicheres Zeichen ist, daß draußen außerordentliche Kälte herrscht. An die Rückenlehne des Stuhls gelegt und ein wenig zur Seite geneigt, ruhte der Kopf dieses braven Vaters in einer Haltung, deren Nachlässigkeit eine vollkommene Ruhe, ein süßes Behagen ausdrückte. Seine wie im Halbschlaf lose über die Seiten herabhängenden Arme vollendeten das Bild gelassener Glückseligkeit.

Er betrachtete das kleinste seiner Kinder, einen kaum fünf Jahre alten Jungen, der, halb nackend, sich durchaus nicht von der Mutter ausziehen lassen wollte. Der kleine Kerl riß aus vor dem Nachthemd und dem Nachthäubchen, das die Mutter ihm manchmal hinhielt. Er behielt seinen gestickten Kragen um und lachte seine Mutter aus, wenn sie ihn rief, weil er recht wohl merkte, daß sie selbst über diese kindliche Meuterei lachte. Er fing dann wieder an, mit seiner Schwester zu spielen, die ebenso naiv, aber schon etwas schalkhafter war als er. Sie sprach auch schon deutlicher, während seine undeutlichen Worte und wirren Gedanken selbst für seine Eltern kaum verständlich waren.

Die kleine Moina, die etwa zwei Jahre älter war als er, rief durch Neckereien, die in ihr schon das Weib erkennen ließen, endloses Gelächter hervor, das ganz plötzlich losbrach und eigentlich keinen Grund zu haben schien. Aber als sie sich alle beide so drollig vorm Feuer herumkugelten, in heller Ungeniertheit ihre hübschen fleischigen Leiber und ihre weißen zarten Glieder zeigten, die Locken ihres schwarzen und blonden Haars vermischten, die rosigen Gesichter aneinander stießen, in die die Freude allerliebste Grübchen zeichnete, da konnte man es wohl nachfühlen, daß ein Vater und namentlich eine Mutter diese kleinen Seelen in ihr Herz geschlossen hatten. Gegen die lebhaften Farben ihrer feuchten Augen, ihrer leuchtenden Wangen, ihrer weißen Haut erblaßten selbst die Blumen des weichen Teppichs, des Tummelplatzes ihrer Lust, auf dem sie hinstürzten, sich überschlugen und miteinander rangen, ohne Schaden zu nehmen.

Die Mutter saß ihrem Manne gegenüber in der andern Ecke des Kamins auf einem Sofa, von umhergestreuten Kleidungsstücken umgeben, einen roten Kinderschuh in der Hand, in einer Haltung zwangloser Gemütlichkeit. Ein Anflug von Ernst erstarb in einem sanften Lächeln, das um ihre Lippen schwebte. Sie mochte sechsunddreißig Jahre alt sein und war noch von großer Schönheit, dank der seltenen Regelmäßigkeit der Gesichtszüge, denen die Wärme, das Licht und das Glück in diesem Augenblick einen fast übernatürlichen Glanz verliehen. Oft hörte sie auf, den Kindern zuzusehen und richtete die liebkosenden Augen auf das ernste Gesicht ihres Mannes; manchmal begegneten sich ihre Augen, und die Eheleute tauschten einen Blick stummer Freude und tiefen Sinnens.

Der General hatte ein stark gebräuntes Gesicht. Über seine breite, reine Stirn spannen sich ein paar Flechten ergrauenden Haares. Der mannhafte Blick seiner blauen Augen, die in den Falten seiner schlaffen Wangen ausgeprägte Tapferkeit ließen erkennen, daß er sich das rote Band, das das Knopfloch seines Rockes schmückte, sauer verdient hatte. In diesem Augenblick spiegelte sich die unschuldige Freude, in der seine beiden Kinder schwelgten, auf seinem Antlitz wider, das bei aller Festigkeit und Kraft von großer Gutmütigkeit und Offenherzigkeit zeugte.

Dieser alte Soldat war ohne große Mühe wieder jung geworden. Liebe zur Kindheit ist ja immer bei einem Soldaten vorhanden, weil er vom Unglück des Lebens genug kennen lernt, um einzusehen, wieviel Elend die Gewalt mit sich bringt und welche Vorzüge die Schwäche genießt.

Ein wenig abseits saß an einem runden Tisch im Licht von Astrallampen, deren heller Schein mit dem blassen Schimmer der auf dem Kamin stehenden Kerzen kämpfte, ein etwa dreizehn Jahre alter Knabe, der rasch die Blätter eines dicken Buches umwendete. Er ließ sich durch das Geschrei seiner Geschwister nicht ablenken, und sein Gesicht verriet die Wißbegier der Jugend. Daß er so völlig in dem, was er las, aufging, war wohl begreiflich, denn das Buch vor ihm enthielt die fesselnden Wunder von »Tausendundeiner Nacht«, und der Knabe trug die Uniform der Lyzeumsschüler. Er saß unbeweglich da, in nachdenklicher Haltung, einen Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf eine der Hände gestützt, deren weiße Finger sich in braunem Gelock vergruben. Das Licht fiel ihm voll aufs Gesicht, während der andere Teil seines Körpers im Dunkeln blieb. So glich er einem der schwarzen Selbstporträts Raphaels, auf denen er sich mit aufmerksamem, gesenktem, an die Zukunft denkendem Gesicht dargestellt hat.

Zwischen diesem Tisch und der Marquise arbeitete ein großes, schönes Mädchen an einem Stickrahmen, bald beugte es sich darüber hin, bald lehnte es sich zurück, und ihr ebenholzschwarzes Haar, das künstlich zu Locken gewickelt war, erstrahlte im Lichtschein. Schon Helene für sich allein gab ein herrliches Bild ab. Ihre Schönheit zeichnete sich durch eine seltene Verschmelzung von Kraft und Eleganz aus. Obgleich sie das Haar in straffem Zug um den Kopf gelegt trug, war es doch so übervoll, daß es aus dem Kamme hervorsprang und sich am Anfang des Nackens übermütig ringelte. Ihre sehr dichten, regelmäßig gezeichneten Augenbrauen traten um so mehr hervor, als die Stirn rein und blendend weiß war. Sie hatte sogar auf der Oberlippe einen leichten Flaum mannhafter Kraft – ihre Nase war griechisch und von ganz vollendetem Schnitt. Aber die entzückende Rundung der Formen, der freimütige Ausdruck der Züge, die Leuchtkraft eines zarten Fleisches, die wollüstig weichen Lippen, das feine Oval des Gesichts und vor allem die reine Keuschheit ihres jungfräulichen Blicks verliehen auch dieser kraftvollen Schönheit die weibliche Anmut und Zartheit und die bezaubernde Bescheidenheit, die wir von diesen Engeln des Friedens und der Liebe fordern.

Nur hatte dieses Mädchen nichts Gebrechliches, nichts Schwaches an sich, und ihr Herz mußte ebenso sanft sein, ihre Seele ebenso stark, wie ihr Äußeres gebieterisch und ihr Gesicht lieblich war. Sie beobachtete das gleiche Schweigen, wie ihr Bruder, der Lyzeumsschüler, und schien ganz in eine jener mädchenhaften Grübeleien versunken zu sein, die oft dem Auge eines Vaters, ja dem Scharfblick einer Mutter entgehen. Man weiß dann nicht, ob man die Schatten, die unbestimmt über das Gesicht huschen, wie schwache Wölkchen über einen klaren Himmel, dem Spiel des Lichts oder geheimem Kummer zuschreiben soll.

Der Mann und die Frau beschäftigten sich in diesem Augenblick gar nicht mit den beiden älteren Kindern. Dennoch hatte mehrmals ein prüfender Blick des Generals die stumme Szene überschaut, die den zweiten Teil dieses häuslichen Gemäldes bildete und schon eine anmutige Verwirklichung der Hoffnungen darstellte, die das Kinderspiel im Vordergrunde leise andeutete. Diese Gestalten gaben ein Abbild des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Abstufungen und schlossen sich zu einer Art lebenden Gedichts zusammen. Die luxuriöse Ausstattung des Salons, die verschiedenen Stellungen, die Gegensätze der verschieden gefärbten Kleidung, die Kontraste der Gesichter, die die Altersunterschiede an sich schon und dann auch die Lichteffekte hervortreten ließen, breiteten über dieses Menschheitsbild all den Reichtum und die Mannigfaltigkeit, die man von den Darstellungen eines Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers fordert.

Schließlich verliehen noch die Stille und der Winter, die Einsamkeit und die Nacht dieser erhabenen und naiven Szene die ihnen eigne Majestät, einen köstlichen Natureffekt hinzufügend. Das eheliche Leben hat viele solcher geheiligten Stunden, deren unerklärlicher Reiz vielleicht auf das Hineinspielen einer bessern Welt zurückzuführen ist. Ohne Zweifel schimmern himmlische Strahlen über diesen Szenen, die den Menschen für einen Teil seiner Leiden belohnen und ihm das Erdenleben erträglich machen sollen. Dann gewinnt für unser Auge die ganze Welt eine wohlgefällige Form, wir erhalten Einblick in die erhabene Ordnung des Weltgeists, und auch die Gesetze des Gesellschaftslebens erscheinen uns gerechtfertigt im Sinne der Zukunft.

Obwohl Helene einen zärtlichen Blick auf Abel und Moina warf, als die beiden wieder einmal in hellen Jubel ausbrachen, und obwohl ihr Gesicht vor Glück strahlte, wenn sie verstohlen ihren Vater betrachtete, so lag doch der Ausdruck einer tiefen Schwermut in ihren Gebärden, in ihrer Haltung und vor allem in ihren von langen Wimpern verschleierten Augen. Ihre weißen, kräftigen Hände, durch die das Licht fiel, um ihnen ein durchscheinendes, fast flüssiges Rosa mitzuteilen – jawohl, diese Hände zitterten. Ein einziges Mal begegneten sich unversehens Helenens Augen und die der Marquise. Diese beiden Frauen sagten sich da mit einem einzigen Blick ihre Meinung: er war kalt und ehrerbietig bei Helene, finster und drohend bei der Mutter.

Helene schlug sogleich die Augen zu ihrer Arbeit nieder, bewegte flink die Nadel und hob lange Zeit den Kopf nicht wieder, der ihr fast zu schwer zu werden schien. War die Mutter übermäßig streng gegen ihre Tochter, und hielt sie diese Strenge für notwendig? War sie eifersüchtig auf die Schönheit Helenens, mit der sie schließlich noch den Kampf aufnehmen konnte, freilich nur, wenn sie allen Zauber der Toilette entfaltete? Oder hatte dieses Mädchen, wie viele Mädchen, wenn ihr Blick sich klärt, Geheimnisse durchschaut, die die dem Anschein nach ihren Pflichten so treue Frau in ihr Herz ebenso tief wie in ein Grab zu versenken geglaubt hatte?

Helene war in ein Alter gekommen, wo die Reinheit der Seele manchmal eine Gesinnung mit sich bringt, deren Härte gegen sich selbst das richtige Maß überschreitet, und zu einem fast unnatürlichen Gefühl wird. In gewissen Geistern nehmen Fehler die Größe von Verbrechen an; dann wirkt die Phantasie noch auf das Gewissen ein, und die jungen Mädchen übertreiben dann die Bestrafung, die sie sich selbst auferlegen, als wenn sie eine Missetat begangen hätten.

Helene schien sich selbst für ganz unwürdig zu halten. Ein Geheimnis ihres früheren Lebens, ein unglücklicher Zufall vielleicht, den sie zuerst gar nicht verstanden, der aber, als ihr Verstand empfänglicher wurde und der Einfluß religiöser Begriffe sich geltend machte, an Bedeutung immer mehr gewonnen hatte, schien vor kurzem erst schließlich dazu geführt zu haben, daß sie in romantischer Übertreibung sich in ihren eigenen Augen tief erniedrigt hatte.

Dieses veränderte Benehmen hatte an dem Tage begonnen, als sie in einer vor kurzem erschienenen Ausgabe ausländischer Theaterstücke die schöne Tragödie ›Wilhelm Tell‹ von Schiller las. Die Mutter schalt die Tochter, daß sie das Buch hatte fallen lassen, und bemerkte dann, daß der Aufruhr, den diese Lektüre in Helenens Seele hervorgerufen hatte, im besondern auf die Szene zurückzuführen war, wo der Dichter eine Art von Brudergemeinschaft aufstellt zwischen Wilhelm Tell, der zur Befreiung eines ganzen Volks Menschenblut vergießt, und zwischen Johann Parricida.

Helene wurde demütig, fromm und nachdenklich und wünschte nicht mehr zu Balle zu gehen. Noch nie war sie so zärtlich zu ihrem Vater gewesen, besonders wenn die Mutter ihre mädchenhaften Schmeicheleien und Liebkosungen nicht mitansah. Und wenn auch in dem Verhältnis zur Mutter eine gewisse Kälte herrschte, so kam sie doch so wenig zum Ausdruck, daß der General nichts davon bemerken konnte, so eifersüchtig er auch auf Einmütigkeit in seiner Familie hielt. Keines Menschen Augen wären scharfblickend genug gewesen, die Tiefen dieser beiden Frauenherzen zu ergründen: das eine war jung und edelmütig; das andere stolz und feinfühlend; das erste voll Duldsamkeit, das zweite voll Klugheit bei aller Liebe. Wenn die Mutter einen gewissen Despotismus gegen die Tochter walten ließ, so merkte jedenfalls niemand, als die Tochter selbst, auch nur das geringste von dieser weiblichen Zucht.

Übrigens ließen erst die Dinge, die da kommen sollten, diese unlösbaren Mutmaßungen aufkommen. Bis zu dieser Nacht war noch nie der Blitz einer Anklage diesen beiden Seelen entfahren; aber zwischen ihnen und Gott stand sicherlich ein finsteres Geheimnis.

»Nun, hurtig, Abel,« rief die Marquise und benützte einen Augenblick, wo Moina und ihr Bruder ermüdet waren und sich still verhielten, »komm, mein Sohn, du mußt zu Bett …«

Und sie warf ihm einen gebieterischen Blick zu und nahm ihn rasch auf die Knie.

»Was?« sagte der General, »es ist halb elf Uhr, und von unserer Dienerschaft ist noch niemand zurückgekommen? So eine Sippschaft! – Gustav,« setzte er hinzu, sich zu seinem Sohne wendend, »ich habe dir das Buch nur unter der Bedingung gegeben, daß du es um zehn Uhr weglegen solltest. Du hättest es zu der festgesetzten Stunde von selbst zuklappen und schlafen gehen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Wenn du einmal ein tüchtiger Mensch werden willst, muß dir dein Wort ein zweites Glaubensbekenntnis sein, und du mußt daran festhalten, wie an deiner Ehre. Fox, einer der größten Redner Englands, zeichnete sich ganz besonders durch Schönheit seines Charakters aus. Die Treue gegen die übernommenen Verpflichtungen ist die hauptsächlichste seiner Eigenschaften. In seiner Kindheit hatte sein Vater, ein Engländer vom alten Schlage, ihm eine sehr nachdrückliche Lehre erteilt, die einen untilgbaren Eindruck auf das Gemüt eines kleinen Kindes machen mußte. Als Fox so alt war wie du, war er während der Ferien bei seinem Vater, der, wie alle reichen Engländer, einen ziemlich großen Park um sein Schloß hatte. In diesem Park stand ein alter Kiosk, der niedergerissen und an einer andern Stelle, von wo man eine großartige Aussicht hatte, wieder aufgebaut werden sollte. Kinder sehen nun gern zu, wenn etwas niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage länger Ferien haben, um beim Abbruch des Pavillons mit dabei zu sein; aber sein Vater verlangte, daß er pünktlich zum Schulanfang ins Gymnasium zurückkehrte. Da gab es nun einen kleinen Aufstand zwischen Vater und Sohn. Die Mutter, wie alle Mamas, stand dem kleinen Fox bei. Der Vater versprach daher seinem Sohne feierlichst, mit der Niederreißung des Kioskes bis zu den nächsten Ferien zu warten. Fox kehrte ins Gymnasium zurück. Der Vater glaubte, ein kleiner Junge würde über seinen Studien die ganze Geschichte vergessen; er ließ den Kiosk ruhig abreißen und an einer andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Knabe aber dachte nur an den Kiosk. Als er wieder zu seinem Vater kam, war sein erstes, nach dem alten Bauwerk zu sehen; aber er kam ganz traurig zum Frühstück heim, und sagte zu seinem Vater: »Ihr habt mich belogen.« Der alte Gentleman verlor in seiner Verwirrung seine Würde nicht und antwortete: »Das ist wahr, mein Junge, aber ich werde meinen Fehler wieder gutmachen. Auf sein Wort muß man mehr halten als auf sein Geld, und alles Geld wäscht den Fleck nicht vom Gewissen, den ein Wortbruch zurückläßt.« Der Vater ließ den alten Pavillon, genau wie er gewesen war, wiederaufbauen, und als dies geschehen war, befahl er, ihn vor den Augen seines Sohnes abzutragen. Dies, Gustav, diene dir zur Lehre!«

Gustav hatte seinem Vater aufmerksam zugehört und schloß sofort das Buch. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und der General nahm Moina an sich, die mit dem Schlaf kämpfte, und legte sie sanft auf seinen Schoß. Die Kleine ließ den haltlosen Kopf auf des Vaters Brust sinken und schlief dort gleich ein, eingehüllt in die goldenen Vorhänge ihres hübschen Haars.

In diesem Augenblick hallten eilige Schritte auf der Straße, und plötzlich geschahen drei Schläge gegen die Tür und weckten das Echo des Hauses. Diese langanhaltenden Schläge hatten einen ebenso eindringlichen Klang wie der Schrei eines Menschen in Todesgefahr. Der Wachhund heulte wütend. Helene, Gustav, der General und seine Frau zitterten heftig; aber Abel, dem die Mutter das Nachtkleid vollends übergezogen hatte, und Moina wurden nicht munter.

»Der hat's eilig!« rief der Soldat und legte sein Kind auf den Sessel. Er verließ rasch den Salon, ohne auf die Bitte seiner Frau zu hören, die ihm nachrief:

»Lieber Mann, geh' doch nicht hin –«

Der Marquis ging in sein Schlafzimmer, nahm ein Paar Pistolen an sich, brannte seine Blendlaterne an, eilte zur Treppe, rannte blitzschnell hinab und stand binnen kurzem an der Tür seines Hauses, wohin der Sohn ihm unerschrocken folgte.

»Wer ist da?« fragte er.

»Machen Sie auf!« antwortete eine Stimme keuchend und ganz außer Atem.

»Gut Freund?«

»Ja, Freund.«

»Allein?«

»Ja – doch auf, auf, sonst kommen sie!«

Sobald der General die Tür ein wenig geöffnet hatte, schlüpfte ein Mensch mit der phantastischen Geschwindigkeit eines Schattens herein; der General mußte nachgeben, denn der Unbekannte stieß die Pforte mit einem kraftvollen Fußtritt auf und lehnte sich gleich darauf entschlossen mit dem Rücken dagegen, wie um zu verhindern, daß man sie wieder öffne. Der General hob rasch die Pistole und die Blendlaterne zur Brust des Fremden, um ihm Respekt einzuflößen, und sah einen Mann von mittlerem Wuchs vor sich, der in einen weiten, nachschleppenden Pelzrock gehüllt war, wie ihn alte Leute tragen. Das Kleidungsstück schien daher auch nicht für ihn gemacht. Der Flüchtling trug, ob aus Vorsicht oder Zufall, den Hut tief auf der Stirn, bis an die Augen hinabgedrückt.

»Mein Herr,« sagte er zum General, »senken Sie die Mündung Ihrer Pistole. Ich will ja ohne Ihre Einwilligung gar nicht hierbleiben; aber wenn ich gehe, wartet meiner der Tod an der Barrière. Und welcher Tod! Sie hätten sich vor Gott dafür zu verantworten. Ich bitte Sie um Gastfreundschaft auf zwei Stunden. Bedenken Sie, mein Herr, so flehentlich ich auch bitte, so muß ich doch auch mit dem Despotismus der Notwendigkeit Forderungen stellen. Ich verlange arabische Gastfreundschaft. Ich muß Ihnen heilig sein. Wo nicht, so öffnen Sie, und ich werde sterben. Verschwiegenheit, ein Obdach und Wasser, das ist's, was mir nottut. O, Wasser!« wiederholte er in röchelndem Tone.

»Wer sind Sie?« fragte der General, überrascht von der fieberhaften Zungenfertigkeit, mit der der Unbekannte sprach.

»Ach, wer ich bin? Gut, so öffnen Sie, und ich gehe,« antwortete der Mensch im Tone höllischer Ironie.

Trotz der Geschicklichkeit, mit der der General das Licht seiner Laterne spielen ließ, konnte er nur den unteren Teil dieses Gesichts sehen, und da sprach nichts zugunsten einer so seltsam geforderten Gastfreundlichkeit: die Wangen waren blaß und zuckten, die Züge krampfhaft zusammengezogen. In dem Schatten, den der Hut warf, loderten die Augen wie zwei Lichter, die fast den schwachen Schein der Kerze überstrahlten. Doch, es mußte ihm eine Antwort gegeben werden.

»Herr,« sagte der General, »Ihre Rede ist so sonderbar, daß Sie wohl an meiner Stelle –«

»Mein Leben liegt in Ihrer Hand!« schrie der Fremde mit entsetzlicher Stimme, seinen Wirt unterbrechend.

»Zwei Stunden?« fragte der Marquis unschlüssig.

»Zwei Stunden,« wiederholte der Mensch.

Aber plötzlich stieß er mit einer Gebärde der Verzweiflung den Hut zurück, entblößte die Stirn und warf, als wollte er einen letzten Versuch machen, einen Blick, dessen heller Glanz dem General in die Seele drang. Dieser Strahl von Geist und Willenskraft glich einem Blitz und wirkte ebenso zermalmend; denn es gibt Augenblicke, wo den Menschen eine unerklärliche Macht verliehen ist.

»Nun denn, wer Sie auch sein mögen, Sie sollen unter meinem Dach in Sicherheit sein,« sagte der Hausherr ernst und glaubte einer jener triebartigen Regungen zu gehorchen, über die der Mensch sich manchmal keine Rechenschaft geben kann.

»Gott vergelte es Ihnen,« setzte der Fremde hinzu und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Sind Sie bewaffnet?« sagte der General.

Statt aller Antwort öffnete der Fremde seinen Pelz und schlug ihn schnell wieder zusammen, so daß der General nichts Genaues hatte sehen können. Er war anscheinend ohne Waffen und in der Kleidung eines jungen Mannes, der vom Ball kommt. So flüchtig der Überblick des mißtrauischen Soldaten gewesen war, so sah er doch genug, um aufzurufen: