Studie in Scharlachrot.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 12. Die Racheengel
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Die ganze Nacht über wanderten sie durch das unwirtliche Gebirge, über versteckte, verwachsene Pfade, auf denen das Vorankommen mühsam war, weil der Weg oft von Felsbrocken übersät war. Mehr als einmal kamen sie vom Weg ab, aber Hope kannte sich so gut im Gebirge aus, daß sie immer wieder auf den rechten Weg zurückfanden. Als schließlich der Morgen dämmerte, tat sich ein aufregend schöner, wenn auch wilder Ausblick vor ihnen auf. Sie waren umgeben von schneebedeckten Berggipfeln, die am weiten Horizont einer dem ändern über die Schulter zu blicken schienen. So steil waren die Felsen, durch die sie ihr Weg führte, daß Fichten und Lärchen sich direkt über ihren Köpfen auszubreiten schienen. Es war, als benötigten sie nur einen Windstoß, um auf sie zu fallen. Das Gefühl von Gefahr war auch nicht nur Einbildung, denn in dem ganzen unfruchtbaren Tal lagen entwurzelte Stämme, die in Sturmnächten herausgerissen und ins Tal geschleudert worden waren. Einmal geschah es ihnen auch, daß ein mächtiger Felsbrocken herunterkam, als sie gerade vorübergegangen waren. Das müde Pferd war vor Schreck in Galopp gefallen.

Dann ging die Sonne am östlichen Himmel auf. Die Berggipfel leuchteten einer nach dem anderen, wie Lampen auf einem riesigen Fest, bis alle Gipfel rötlich glühten. Dieses großartige Naturereignis gab den drei müden Wanderern wieder Zuversicht und neue Energie.

An einem wilden Wasserfall, der aus einer Felsspalte austrat, hielten sie, um die Pferde zu tränken, während sie selber ein hastiges Frühstück einnahmen. Lucy und ihr Vater hätten gerne eine längere Rast eingelegt, aber Jefferson Hope war unnachgiebig. »Sie haben gewiß unsere Flucht inzwischen entdeckt«, sagte er. »Wir müssen uns beeilen, alles hängt daran.

Wenn wir erst einmal sicher in Carson sind, können wir uns ausruhen, soviel wir wollen.«

Den ganzen Tag lang kämpften sie sich so durch die mühsamen Trampelpfade voran. Gegen abend rechneten sie sich aus, daß sie wohl an die dreißig Meilen aus dem Feindesland heraus waren. Zur Nachtzeit fanden sie Zuflucht unter Felsen, die Schutz boten vor dem eisigen Wind. Dort rückten sie eng aneinander heran, um sich gegenseitig zu wärmen und gönnten sich ein paar Stunden Schlaf. Bevor jedoch der Tag anbrach, waren sie wieder auf den Beinen. Bisher hatten sie kein Zeichen von ihren Verfolgern gesehen. Schon begann Jefferson Hope zu hoffen, daß sie aus der Reichweite der schrecklichen Organisation heraus waren. Er wußte jedoch nicht, wie weit ihr schrecklicher, eiserner Arm in Wirklichkeit reichte, oder wie bald sie sie eingeholt haben würden, um sie zu Boden zu zwingen.

Am zweiten Tag ihrer Flucht ging ihnen ihr kleiner Vorrat an Proviant aus. Das machte zwar dem Jäger nicht viel aus, denn es gab ja Wild genug in den Bergen, und schon oft hatte er von dem leben müssen, was die Wildnis ihm bot. So suchte er sich eine geschützte Nische, sammelte Feuerholz und zündete ein loderndes Feuer an, an dem seine Begleiter sich wärmen sollten, denn sie befanden sich jetzt sehr hoch über dem Meeresspiegel und die Luft war scharf und bitterkalt. Er versorgte die Pferde, küßte Lucy zum Abschied, warf sein Gewehr über die Schulter und ging los in der Hoffnung, daß das Jagdglück ihm schnell ein geeignetes Tier vor die Flinte schicken möge. Er sah sich noch einmal um. Der alte Mann und das junge Mädchen hockten nebeneinander am lodernden Feuer und wärmten sich, während die drei Tiere bewegungslos im Hintergrund standen. Danach versperrten ihm die Felsen die Aussicht.

Ein paar Meilen wanderte er erfolglos von einem schmalen Tal zum ändern, obgleich er an bestimmten Zeichen an den Bäumen und anderen Signalen erkennen konnte, daß eine Anzahl von Bären in der Gegend gewesen sein mußten. Als er schließlich zwei oder drei Stunden ohne Erfolg herumgewandert war und schon traurig und mit leeren Händen umkehren wollte, sah er etwas, das sein Herz höher schlagen ließ. Am Rande eines Felsenvorsprunges stand ein riesiges Tier mit einem Paar gewaltiger Hörner, ein Bock, so riesig, daß man in ihm den Anführer einer ganzen Herde erkennen konnte, die jedoch für den Jäger jetzt noch unsichtbar war. Glücklicherweise hatte das Tier seinen Kopf zu der anderen Richtung gedreht und hatte den Jäger nicht wahrgenommen. Der Jäger lag ausgestreckt auf dem Boden, hatte sein Gewehr gegen den Felsen gelehnt, zielte und zog vorsichtig den Abzugshahn. Das Tier tat einen Sprung, strauchelte kurz und krachte dann herunter in das Tal.

Das Tier war zu schwer, um von nur einer Person getragen zu werden, so begnügte sich der Jäger damit, einen Teil des Fleisches herauszuschneiden. Mit dieser Trophäe auf den Schultern eilte er zu ihrem Versteck zurück, denn der Abend neigte sich schon. Er hatte sich jedoch kaum auf den Rückweg gemacht, als sich ihm neue Schwierigkeiten in den Weg stellten. In seinem Eifer war er weit über die Täler hinausgegangen, die ihm bekannt waren und so war es nicht einfach, den Weg zurück zu finden. Durch das ganze Tal liefen Seitentäler, die wiederum eigene schmale Seitentäler hatten, die eines dem anderen glichen.

Manchmal war es unmöglich, sie zu unterscheiden. So folgte er einem Taleinschnitt etwa eine Meile, bis er an eine Felsengruppe kam, von der er sicher war, daß er sie vorher nicht gesehen hatte. Überzeugt, daß er die falsche Richtung gewählt hatte, versuchte er einen anderen Weg, aber leider mit dem gleichen Ergebnis. Schon brach die Nacht sehr schnell herein. Es war fast völlig dunkel, als er auf den Pfad gelangte, der ihm endlich wieder bekannt vorkam. Aber auch dann war es nicht einfach, immer auf dem rechten Weg zu bleiben, denn noch war der Mond nicht aufgegangen und die hohen Felsen zu beiden Seiten des Weges verschluckten noch das wenige Licht. Seine Last lag ihm schwer auf dem Rücken und der Ausflug hatte ihn erschöpft. So stolperte er dahin, nur der Gedanke hielt ihn aufrecht, daß ja jeder Schritt ihn näher zu seiner geliebten Lucy brachte. Und schließlich konnte er froh sein, denn er hatte auf dem Rücken jetzt mehr Proviant für sie, als sie für den Rest ihrer Reise brauchten.

Inzwischen war er am Eingang jener Schlucht angekommen, in der er sie verlassen hatte.

Sogar noch im Dunkeln konnte er die Felsen ausmachen, die ihr Versteck schützend umstanden. Sie würden jetzt schon sehr auf ihn warten, überlegte er sich, denn er war fast fünf Stunden unterwegs gewesen. So froh war er, endlich wieder in ihrer Nähe zu sein, daß er die Hand an den Mund legte und ein lautes >Hallo< rief, zum Zeichen, daß er in der Nähe war und gleich kommen würde.

Er stand still und wartete auf eine Antwort. Aber niemand antwortete. Nur das Echo schallte von den hohen Felswänden in tausendfacher Wiederholung zurück. Wieder rief er, jetzt vielleicht noch lauter, aber nicht einmal ein Flüstern von seinen Freunden erreichte ihn. Eine vage, namenlose Angst erfaßte ihn. Er eilte voran, so schnell er nur konnte, in seiner Sorge warf er auch seinen kostbaren Jagdsegen fort.

Dann bog er um die Ecke, die ihm den vollen Blick auf den geschützten Platz gewährte, wo er vor Stunden das Feuer entzündet hatte. Das Holz glühte immer noch in der Asche, aber niemand schien es versorgt zu haben, nachdem er es verlassen hatte. Die gleiche Totenstille herrschte ringsum. Seine Angst wurde zu Gewißheit. Er lief, so schnell er konnte. Keine lebendige Seele war in der Nähe des Feuers zu finden; Tiere, Mann, Mädchen, alle waren fort.

Es war nur zu klar, daß in seiner Abwesenheit ein schreckliches Unglück stattgefunden hatte — ein Unglück, daß sie alle betraf, von dem es aber keine Spuren gab.

Erschrocken und wie vor den Kopf geschlagen schwankte Jefferson Hope. Er mußte sich auf sein Gewehr stützen, um nicht umzufallen. Jedoch war er ein Mann, der handeln konnte. So erholte er sich schnell wieder, ergriff einen noch glühenden Ast und entfachte das Feuer zu neuer Glut. Im Schein des Feuers untersuchte er das Lager. Der Boden war zertrampelt von den Hufen vieler Pferde. Es bedeutete, daß eine größere Schar von Berittenen die Flüchtlinge eingeholt hatte und die Spur der Reiter zeigte in Richtung Salt Lake City. Hatten sie seine beiden Gefährten mitgenommen? Jefferson Hope hatte sich fast an den Gedanken gewöhnt, daß es wohl so sein mußte, als sein Blick auf etwas fiel, das jeden Nerv in ihm in Aufruhr brachte. Ein wenig weiter von dem Lager entfernt war ein aufgeworfener Hügel rötlicher Erde, der gewiß vorher nicht dagewesen war. Er kannte diese Form, es war nichts anderes als ein frisch ausgehobener Grabhügel. Der junge Jäger ging näher heran. Ein Ast war auf dem Grab eingepflanzt, in dessen Gabelung ein Zettel steckte. Die Inschrift auf diesem Stück Papier war kurz, war klar.

John Ferrier vormals Bewohner von Salt Lake City gestorben am 4. August 1860 Der beherzte alte Mann, den er vor wenigen Stunden verlassen hatte, war tot und dies war alles, was von ihm übriggeblieben war. Wie ein Wilder schaute sich Jefferson Hope um in der Suche nach einem zweiten Grab, aber ein solches war nicht zu finden.

Lucy war ihren schrecklichen Verfolgern in die Hände gefallen und man hatte sie als Gefangene zurück nach Salt Lake City genommen, um ihr schreckliches Los zu vollenden, indem sie dem Harem eines der Söhne der Ältesten zugeführt wurde. Als dem jungen Mann klar wurde, wie endgültig ihr Schicksal war und daß er selber völlig machtlos war, da wünschte er sich selber nichts weiter, als daß er mit dem alten Bauern zusammen in seiner letzten Ruhestätte liegen konnte.

Sein lebendiger, aktiver Geist schüttelte die Lethargie, die aus der Verzweiflung kommt, jedoch erneut ab. Nichts war ihm mehr geblieben, nichts, dem er sein Leben widmen konnte, nichts außer der Rache. Neben einer schier unerschöpflichen Geduld und einem unendlichen Durchhaltevermögen gehörte ebenfalls zu Jefferson Hopes Charakterzügen, Unrecht nicht vergessen zu können. Die Kraft der unterdrückten und lang hinausgeschobenen, aber niemals aufgehobenen Rache, war ein Charakterzug, den er vielleicht von den Indianern gelernt hatte, mit denen er zusammengelebt hatte. So stand er bei dem verlassenen Feuer und wußte, daß es nur eine einzige Möglichkeit gab, mit seinem Schmerz ins reine zu kommen, und das war, wenn er an den Verfolgern mit eigener Hand Rache verüben würde. Sein unbeugsamer Wille und seine enorme Energie würden eines Tages dieses Ziel erreichen, beschloß er bei sich selbst. Mit bleichem, zornigen Gesicht ging er zurück zu der Stelle, wo er das Fleisch hatte liegenlassen, dann fachte er das Feuer erneut an und briet so viel Fleisch, daß er einen Proviant für mehrere Tage hatte. Obgleich er sehr erschöpft war, machte er sich dennoch wieder auf den Weg über die Bergpfade und folgte der Spur der Racheengel.

Fünf Tage lang quälte und mühte er sich auf schmerzenden Füßen durch Täler und Schluchten den Weg zurück, den er auf dem Rücken eines Pferdes gekommen war. Zur Nachtzeit legte er sich im Schutz eines Felsens nieder, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, aber bevor der Tag anbrach, war er schon wieder unterwegs. Am sechsten Tag erreichte er den Adler-Canon, von wo aus sie ihre schicksalhafte Flucht begonnen hatten. Von dort aus hatte er einen Ausblick auf die Stadt der Heiligen. Ausgelaugt und erschöpft stand er da, auf sein Gewehr gelehnt und erhob seine harte Hand zornig zu einer drohenden Faust über die breitverstreute Stadt unter ihm. Als er jedoch näher hinschaute, nahm er wahr, daß die Hauptstraßen geflaggt waren. Außerdem gab es noch andere Anzeichen einer Festlichkeit. Er überlegte sich, was es sein könnte, doch da hörte er hinter sich Hufgetrappel, ein berittener Mann war auf dem Weg zu der Stadt. Er ging auf den Mann zu, den er als den Mormonen Cowper erkannte und dem er zu wiederholten Malen gute Dienste getan hatte. Diesen Mann also fragte er nach dem Schicksal Lucy Ferriers.

»Ich bin Jefferson Hope«, sagte er. »Du kennst mich doch.«

Der Mormone schaute ihm mit unverhohlenem Staunen ins Gesicht. Und tatsächlich war es schwer, in dem ausgemergelten, ungewaschenen Wanderer mit dem gespenstisch weißen Gesicht und den wilden, glühenden Augen den frischen jungen Jäger früherer Zeiten wiederzuerkennen. Aber als er den Mann dann doch wiedererkannt hatte, wandelte sich das Verwundern des Mormonen in Angst.

»Du mußt verrückt sein, daß du hierher kommst«, sagte er. »Mein Leben wäre schon nichts mehr wert, wenn irgend jemand uns hier zusammensieht. Der >Rat der Heiligen Vier< hat einen Haftbefehl gegen dich erlassen, weil du Ferrier zur Flucht verholfen hast.«

»Ich habe weder vor ihnen noch vor ihrem Haftbefehl Angst«, sagte Hope düster. »Aber du mußt doch etwas wissen, Cowper. Ich flehe dich an, bei allem, was dir heilig ist, beantworte mir ein paar Fragen. Wir sind Freunde gewesen. Um Gottes willen, verweigere mir die Antwort nicht.«

»Dann frag«, sagte der Mormone unsicher. »Aber beeil dich. Die Felsen haben Ohren hier und die Bäume Augen.«

»Was ist aus Lucy Ferrier geworden?«

»Sie ist gestern von dem jungen Drebber geheiratet worden. Halt, Mann, was ist denn, du bist ja völlig am Ende mit deinen Kräften.«

» Kümmere dich nicht um mich «, sagte Hope, einer Ohnmacht nahe. Er war gegen den Felsbrocken gesunken, an den er sich gelehnt hatte. »Geheiratet, hast du gesagt?«

»Ja, verheiratet, gestern. — Darum ist vor dem Standesamt geflaggt worden. Der junge Drebber und Stangerson haben sich gestritten, wer sie haben sollte. Sie waren beide in der Gruppe, die den Flüchtlingen gefolgt sind. Stangerson hat ihren Vater erschossen, damit schien er das erste Recht auf die Tochter zu haben, aber dann wurde im >Rat der Vier< darüber diskutiert. Drebbers Gruppe war stärker und so gab der Prophet sie ihm. Aber keiner von ihnen wird sie lange haben, ich habe sie nämlich gesehen. Ihrem Gesicht sah man gestern an, daß sie bald sterben wird. Sie wirkte eher wie ein Geist, als eine Frau. Gehst du fort?«

»Ja, ich gehe fort«, sagte Jefferson, der sich erhoben hatte. Sein Gesicht sah aus, als sei es aus Marmor geschnitten, so hart war sein Ausdruck, während in seinen Augen ein böses Feuer glomm.

»Wohin willst du denn gehen?«

»Frag nicht!« antwortete er, warf sein Gewehr über die Schultern und ging mitten in die wildesten Berge hinein, um wilde Tiere zu jagen. Inmitten all der Wildnis von Natur und Tier war nichts so wild und gefährlich wie er.

Die Voraussage des Mormonen erfüllte sich nur zu bald. Ob es nun der furchtbare Tod ihres Vaters war oder die Folgen der verhaßten Heirat, in die sie hineingezwungen worden war, vermag niemand zu sagen. Lucy jedenfalls erhob niemals wieder das Haupt, sondern siechte dahin und starb innerhalb des nächsten Monats. Ihr ständig betrunkener Ehemann, der sie im Grunde nur wegen des Besitzes geheiratet hatte, den John Ferrier hinterlassen hatte, betrauerte sie nicht sonderlich, aber die anderen Frauen, die sie liebgewonnen hatten, trauerten wirklich um sie. Sie hielten auch Totenwache neben ihr in der Nacht vor der Beerdigung, so wie es Brauch bei den Mormonen ist. Sie waren alle in den frühen Morgenstunden um den Sarg versammelt, als zu ihrem unaussprechlichen Schrecken und Verwundern die Tür aufgerissen wurde und ein wildaussehender, wettergegerbter Mann in zerlumpter Kleidung in das Zimmer kam. Ohne die knienden Frauen auch nur mit einem Blick oder Wort zu beachten, ging er zu der stillen Gestalt, die einst die reine Seele Lucy Ferriers gewesen war. Er beugte sich über sie und küßte ehrfurchtsvoll die kalte Stirn.

Dann griff er ihre Hand und zog den Ehering von ihrem Finger. »Dies Ding soll sie nicht mit ins Grab nehmen«, knurrte er böse und ehe noch jemand Alarm geben konnte, war er auch schon die Treppen hinuntergelaufen. Die Episode war so kurz, daß die Wächterinnen es kaum glauben konnten, daß es Wirklichkeit gewesen war, sie konnten es kaum selber glauben, noch hätten sie es den anderen glaubhaft machen können, wenn nicht der goldene Ring, das Zeichen der Ehefrau, fort gewesen wäre.

Ein paar Monate lang hielt sich Jefferson Hope in den Bergen auf, führte ein seltsames, wildes Leben und hütete und pflegte in seinem Herzen die Flamme der Rache, die immer in ihm glühte. In der Stadt erzählte man sich Geschichten von der seltsamen Figur, die in der Vorstadt gesehen wurde und die in den einsamen Bergschluchten der Berge herumgeisterte.

Einmal verirrte sich eine Kugel in Stangersons Schlafzimmer und sauste in die Wand, knapp eine Handbreit von seinem Kopf entfernt. Bei anderer Gelegenheit, als Drebber einen Felsweg entlang ritt, sauste ein riesiger Felsbrocken fast auf ihn herunter, er konnte sich nur mit größter Mühe retten, indem er sich auf das Gesicht warf. Die beiden jungen Mormonen hatten schnell begriffen, wer ihnen nach dem Leben trachtete. Wiederholte Expeditionen in die Berge wurden unternommen, in der Hoffnung, ihren Feind zu fangen und zu töten, aber sie hatten keinen Erfolg damit. Dann versuchten sie es mit Vorsicht. Niemals gingen sie nun in der Dunkelheit noch aus dem Haus und ihre Häuser wurden bewacht. Nach einer gewissen Zeit gaben sie die Vorsicht jedoch wieder auf, denn nichts geschah ihnen und von ihrem Widersacher sah und hörte niemand mehr etwas. Sie glaubten nicht anders, als daß seine Rachegelüste eingeschlafen waren.

Aber das war nicht der Fall, falls es möglich war, hatten sie sich sogar noch verstärkt. Der Jäger hatte einen harten, unnachgiebigen Charakter. Der Gedanke an Rache hatte solche Gewalt über ihn gewonnen, daß kein Platz mehr für ein anderes Gefühl übrigblieb. Er war jedoch bei allem was er dachte und tat ein praktischer Mensch. Er mußte sich klarmachen, daß auch seine eiserne Konstitution dieses Leben, zu dem er sich zwang, nicht durchhalten konnte. Das harte Leben in den Bergen und der Mangel an gesunder Nahrung schwächten ihn.

Wenn er wie ein Hund in den Bergen starb, was sollte dann aus seiner Rache werden? Und doch würde ein solcher Tod ihn bald einholen, wenn er weiterhin ein solches Leben auf sich nahm. Wenn er so weiterlebte, dann spielte er das Spiel seiner Feinde und so zog er, zögernd zunächst, wieder in die alten Silberminen in Nevada. Dort erholte er sich wieder, kam zu einigem Geld und sparte genug, um sein Ziel zu verfolgen, ohne dabei zu darben.

Zunächst hatte er sich ein Ziel von höchstens einem Jahr gesetzt, aber unvorhergesehene Umstände hinderten ihn daran, die Minen in den nächsten fünf Jahren zu verlassen. Am Ende dieser Zeit war jedoch sein Gefühl und der Wunsch nach Rache noch genau so frisch wie damals, an John Ferriers Grab.

Verkleidet und unter falschem Namen kehrte er nach Salt Lake City zurück. Was aus dem eigenen Leben wurde, war ihm gleichgültig, solang er es schaffte, das zu tun, was er um der Gerechtigkeit willen tun mußte. Böse Nachrichten erwarteten ihn in der Stadt. Zwischen den Erwählten hatte es vor ein paar Monaten Zwist gegeben, der zur Zersplitterung führte. Einige der jüngeren Mitglieder des Tempels hatten gegen die Ältesten opponiert und das Ergebnis war, daß etliche der Unzufriedenen, unter ihnen Drebber und Stangerson, Utah verlassen und den Glauben abgelegt hatten. Niemand wußte, wohin sie gezogen waren. Das Gerücht ging um, daß Drebber einen großen Teil seines Besitzes zu Geld gemacht hatte und daß er als reicher Mann davongekommen war, während Stangerson relativ arm geworden war. Dies war jedoch kein Hinweis darauf, wo sie zu finden waren.

Mancher Mensch, wie rachsüchtig auch immer, hätte bei diesen erneuten großen Schwierigkeiten gewiß endlich den Gedanken an Rache aufgegeben. Aber Jefferson Hope war keinen Augenblick unentschlossen. Er verdingte sich als Handlanger und schlug sich mit allen ihm nur möglichen Jobs durch, und kam so von Stadt zu Stadt durch die Vereinigten Staaten, um seine Feinde aufzuspüren. Jahr um Jahr verstrich. Sein Haar ergraute, er jedoch war immer noch auf Wanderschaft, ein Bluthund in Menschengestalt, der seinen Geist total auf das eine Ziel gerichtet hatte, das er sich einmal gesetzt hatte. Schließlich aber wurde sein Durchhaltevermögen belohnt. Es war nur der Blick auf ein Gesicht in einem Fenster, aber dieser Blick genügte, ihm zu sagen, daß in Cleveland in Ohio der Mann zu finden war, den er suchte. Er kehrte in seine schäbige Unterkunft zurück und sann auf einen Plan, seine Rache auszuführen. Der Zufall hatte es allerdings so gewollt, daß Drebber im gleichen Augenblick auch aus dem Fenster gesehen hatte und den Mann in der Straße erblickte, dessen Augen Mordlust sprühten. Er eilte deshalb mit Stangerson, der inzwischen sein Sekretär geworden war, zu einem Friedensrichter und erzählte dem eine Geschichte, daß sein Leben bedroht sei, weil ein alter verhaßter und eifersüchtiger Rivale hinter ihm her sei.

An jenem Abend wurde Jefferson Hope verhaftet. Und weil er nicht genug Geld hatte, eine Kaution zu zahlen, wurde er dort einige Wochen festgehalten. Als er endlich wieder frei war, fand er Drebbers Haus verlassen, denn er und sein Sekretär waren auf dem Weg nach Europa.

Wieder einmal war der Racheplan fehlgeschlagen und wiederum erneuerte er seinen Schwur und wieder war der Haß die Triebfeder, die ihm die Kraft gab, sein Ziel niemals aus den Augen zu verlieren. Allerdings brauchte er Geld. So mußte er sich wieder Arbeit suchen. Er sparte jeden Dollar für die Reise zusammen. Schließlich hatte er genug zusammen und konnte die Reise nach Europa antreten. Auch hier verfolgte er seine Feinde von einer Stadt zu der anderen. Er arbeitete, wenn sich die Möglichkeit ergab, niemals aber gelang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. Als er in Petersburg ankam, waren sie gerade nach Paris abgereist, als er ihnen dorthin folgte, waren sie gerade auf ihrem Weg nach Kopenhagen. Auch in der dänischen Hauptstadt kam er ein paar Tage zu spät an, denn sie waren schon unterwegs nach London. Dort endlich schaffte er es, sie zu stellen. Was dort jedoch geschah, das erzählen wir lieber mit den Worten des alten Jägers, wie es getreulich in Dr. Watsons Journal verzeichnet ist, dem wir ja sowieso schon verpflichtet sind.